Published 27.07.2022

Containerhut und Baumpavillon

Der Beitrag gemeinschaftsstiftender Kleinarchitekturen zum Stadtentwicklungsprojekt

Container Hat and Tree Pavilion

The Contribution of Community-Building Small-Scale Architecture to the Urban Development Project

Keywords: Koproduktion; design-build; Reallabor; Typologie; Co-production; field lab; typology

Abstract:

Wir untersuchen inhaltliche und organisatorische Voraussetzungen für das erfolgreiche Überlappen des Stadtentwicklungsprojekts Unser Ebertplatz der Stadt Köln mit dem forschungsgeleiteten studentischen design-build Projekt Café Ebertplatz der RWTH Aachen University. Der Schwerpunkt liegt darauf, das Verhältnis entwerferisch-typologischer Fragen mit den übergeordneten Projektzielen der Stadt Köln, nämlich der Stärkung des öffentlichen Lebens im Sinne einer pluralen, intensiven und vielfältigen Nutzung des öffentlichen Raumes, herauszuarbeiten. Am Beispiel dieser typologischen Fokussierung wird gezeigt, wie design-build Projekte inhaltlich in die Nähe transformativer Forschung gerückt werden können.

We investigate content-related and organizational prerequisites for the successful overlapping of the city of Cologne‘s urban development project Unser Ebertplatz with the research-based student design-build project Café Ebertplatz at RWTH Aachen University. The focus is on elaborating the relation of design-typological issues with the overarching project goals of the city of Cologne, namely the strengthening of public life in the sense of a plural, intensive and diverse use of public space. Using this typological focus as an example, we will show how design-build projects can become close to transformative research.

Das Projekt Unser Ebertplatz

Unser Ebertplatz ist ein partizipatives Stadtentwicklungsprojekt unter der Koordination der Stadt Köln in Kooperation mit lokalen Initiativen, Künstler:innen Vereinen, Bürgerzentren, Bildungseinrichtungen und vor allem der Zivilgesellschaft, um den Ebertplatz im Norden der Altstadt Kölns zu einem vitalen öffentlichen Raum zu machen. Neben der Wiederinbetriebnahme der wasserkinetischen Plastik (Brunnen) und gestalterischen Aufwertungen (siehe Abbildung 1) wurden seit 2018 in Kooperation mit bisher rund 300 Partner:innen Ausstellungen und Kulturveranstaltungen, Diskussionen und Lesungen sowie zahlreiche partizipative Formate entwickelt und durchgeführt. Das Gesamtprojekt wird durch das Stadtraummanagement/Stadtplanungsamt im Dezernat Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Wirtschaft sowie durch weitere städtische Stellen, insbesondere das Kulturamt, koordiniert, moderiert und umgesetzt (Stadt Köln 2020). Unterstützt werden die städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch eine Honorarkraft mit Schwerpunkt Projektarbeit und Kommunikation.

Ein Holzdeck, auf dem viele Menschen sitzen, liegt vor einem großen begehbaren Brunnen
Abbildung 1: Sitzplattform und wasserkinetische Plastik am Ebertplatz. Foto: Helle Habenicht.

Die Zwischennutzung des Ebertplatzes wurde vom Rat der Stadt Köln in der Sitzung am 20. März 2018 beschlossen, ebenso wie die Finanzierung der einzelnen Projektbestandteile (Rat der Stadt Köln 2018: 184–187). Der Rat beschließt das temporäre Projekt wissend, dass ein langfristiger Umbau geplant ist und im Bewusstsein um die Dauer eines notwendigen Planungs-, Ausschreibungs- und Genehmigungsprozesses.

Das Temporäre und das Fassen als eigenständiges Projekt wird als Möglichmacher für schnellere und experimentellere Formate gewählt, die sonst schwierig mit längerfristigen Prozessen der Stadtplanung übereinzubringen sind.

Das Stadtraummanagement im Stadtplanungsamt und das Kulturamt, und besonders die dort arbeitenden Personen, bilden dabei die Gelenke, die zwischen den Abläufen der Stadt und allen weiteren Akteuren vermitteln. Sie sind tragende Säulen des Projekts und seiner Organisationsstruktur. Anfragen von externen Projektbeteiligten an die Stadt Köln werden hier gebündelt, strukturiert, eventuell überarbeitet, an die relevante Stelle weitergeleitet und die Antwort zurückgetragen. Für Externe entstehen dadurch einfach zu bewältigende Organisationsabläufe.

Neben dem Potential von Zwischennutzungen sollen auch Ideen für den bereits beschlossenen Umbau des Platzes gefunden werden (Rat der Stadt Köln 2018 und Stadt Köln 2020). Diese Aufgabe macht sich besonders die organisierende Verwaltung zu eigen. Sie lässt sich aber auch auf teilnehmende Forschungseinrichtungen wie die RWTH Aachen ausweiten.

Zu sehen ist der Ebertplatz in Köln senkrecht von oben.
Abbildung 2: Luftbild Ebertplatz 2018. Foto: Katharina Stahlhofen.

Der Selbstbau im kontext des Interim-Projekts Unser Ebertplatz

Als eine zentrale Säule der Zwischennutzung im Projekt Unser Ebertplatz wird der Begriff der Gestalterischen Aufwertung genannt und weit gefasst – von Begrünungselementen über künstlerische Installationen bis hin zu baulichen Interventionen im Stadtraum, welche die Nutzungsmöglichkeiten des Ortes erweitern. Neben Akteur:innen vor Ort, sind als mögliche Durchführende einer gestalterischen Aufwertung Hochschulen in den Fokus des Stadtraummanagements der Stadt Köln geraten, die als Teil ihres Lehr- und Forschungsprogramms design-build Projekt anbieten. Design build Projekte sind solche, bei denen Studierende sich mit Aufgaben befassen, die Entwurf, Planung und Bau von Architektur umfassen, und bei denen jeder dieser Projektbestandteile von den Studierenden selbst durchgeführt wird. In Nordrhein-Westfalen gibt es mehrere Hochschulen, die erfolgreich design-build Projekte als Lehrformate durchführen. Von diesen wurde der Lehrstuhl für Gebäudelehre der RWTH Aachen University in der Konzeptionsphase des Projekts Unser Ebertplatz von der Stadt Köln im Frühjahr 2018 mit folgender Anfrage angesprochen:

Könnt ihr die räumlichen Voraussetzungen des Ebertplatzes in Köln im Rahmen eines temporären studentischen Selbstbauprojektes durch irgendeine Art architektonischer Intervention besser machen, sodass sie dem Projektziel zuarbeiten? Ein mögliches Budget beträgt 20.000€ (siehe Abbildung 2).

Die Anfrage ermöglichte es dem Lehrstuhl für Gebäudelehre, eine forschungsgeleitetes studentisches Selbstbauprojekte zuzusagen. Dies hatte mehrere Gründe. Teilweise waren die Ziele der Stadtentwicklung der Stadt Köln und der typologischen Forschung am Lehrstuhl für Gebäudelehre nicht identisch, jedoch arbeiteten unterschiedliche Projektbestandteile -Analyse, Planung, Bau und Verschriftlichung- gleichzeitig unterschiedlichen Zielen zu. Die Ergebnisoffenheit der Anfrage war hierbei essentiell für die Durchführung des Projekts. Sie erlaubte einen breiten analytischen Einstieg und eine Aufweitung des Projektfokus auf mehrere Themen zugleich. So ließ sich das Projekt an einer Hochschule verorten und zu einem Teil des Lehr- und Forschungsprogramms machen. So fand eine inhaltliche und prozessuale Überlappung der Agenda der Stadt Köln mit der des Lehrstuhls für Gebäudelehre der RWTH Aachen statt. Hierfür war sowohl Praxiswissen als auch theoretisches Wissen notwendig. Theoretisches Wissen ist nötig, um Aspekte des konkreten Bauvorhabens als Forschungsaufgabe zu konzeptualisieren. Die Entwurfsarbeit findet nicht ausschließlich mit Blick auf die vorhandene Situation statt, sondern verläuft eingebettet in die systematische Auseinandersetzung mit typologischen Fragestellungen am Lehrstuhl für Gebäudelehre der RWTH. Praxiswissen wiederum ist nötig, um bearbeitete Forschungsfragen später in das Bauvorhaben integrieren zu können. Es macht keinen Sinn, etwas zu entwerfen, was später auf Grund von Konflikten mit Bau- oder Planungsrecht nicht gebaut werden kann. Das Wissen um Voraussetzungen für die Umsetzung des Bauvorhabens läuft im Entwurfsprozess mit.

Konkret geschah dies auf mehreren Ebenen. Der studentische Selbstbau am Ebertplatz war mit deutlich performativem Aspekt geplant. Sowohl während der Analyse als auch während des Bauprozesses waren Gruppen von 20 bis 30 Studierenden über einen Zeitraum von zwei Wochen vor Ort anwesend und bespielten den Platz mit ihren Aktivitäten. Das Bauprojekt war raumgreifend und erzeugte offensichtlich eine Veränderung des Raumes. Die Studierenden konnten angesprochen werden, es entstanden Unterhaltungen über Inhalt und Ziel der Aktivität. Die Studierenden nahmen sich selbst als Personen war, die eine Veränderung im selbst benutzten Raum der Stadt erzeugen und vermitteln konnten. Hilfsangebote von Vorbeigehenden waren ebenso häufig, wie ein Eis für das Bauteam oder eine Fotodokumentation zum Projektabschluss einer Anwohnerin. Architektur als kulturelle Praxis wurde von Allen erfahren, die sich mit dem Projekt auseinandersetzen.

So erzeugt das Projekt bereits über sein Wesen Bespielung und Austausch über den zu bearbeitenden Platzraum, zwei wesentliche Projektziele der Zwischennutzung (siehe Abbildung 3). Darüber hinaus fordert die aktuelle gesellschaftliche Situation am Ebertplatz ein Überdenken der räumlichen Gegebenheiten. Die Veränderung einer gegebenen räumlichen Situation ist inkrementaler Aspekt aller design-build Projekte, da es bei diesen darum geht einer existierenden Situationen ein neues räumliches Element hinzuzufügen. Am Ebertplatz ist ein Hinterfragen des Zusammenhangs von Form, Gebrauch und Bedeutungszuschreibung im sich wandelnden gesellschaftlichen Kontext gefordert.

Während rechts am Sitzdeck noch gebaut wird, sitzen links schon Passanten darauf.
Abbildung 3: Während rechts noch gebaut wird, sitzen links schon Passant:innen.
Foto: Eigene Aufnahme Projektteam Café Ebertplatz.

Der Lehrstuhl für Gebäudelehre der RWTH Aachen beteiligte sich also mit einem typologisch fokussierten studentischen Selbstbauprojekt mit dem Titel Café Ebertplatz. Das Entwurfs- und Bauprojekt fand in Kooperation mit der Köln International School for Design (KISD) (Analyse) und dem Berufskolleg Ulrepforte (Ausführung Containerhut) statt. Es untersuchte in Planung und Gebrauch das Potential gemeinschaftsstiftender Typologien klassischer (Klein-)Architekturen als Teil des öffentlichen Raums und gleichzeitig das Potential des Bestands für die zeitgenössische Nutzung.

Typologische Fragen jenseits konkreter Ziele der Stadtplanung: Kleinarchitekturen auf einer Platzfläche statt Stadtlandschaft?

Der allgemeine Diskurs zur Typologie weist deutlich auf den Zusammenhang von Architektur und gesellschaftlichem Kontext hin, den es im Laufe gesellschaftlicher Veränderungen kontinuierlich weiterzuentwickeln gilt (zuletzt Gleiter et al. 2018, Ballestrem, Gleiter 2018, TU Kaiserslautern 2018). Am Ebertplatz ist eine zu verändernde gesellschaftliche Situation Auslöser für den Wunsch nach räumlichen Veränderungen. Ob dies auch eine typologische Veränderung verlangt, ist zu prüfen.

„Mit dem Zwischennutzungskonzept für den Ebertplatz wird das Ziel verfolgt, schon vor der eigentlichen umfangreichen Neugestaltung der Flächen die Aufenthaltsqualität des Ebertplatzes zu erhöhen, um so durch eine Vielzahl von Aktivitäten auch eine höhere soziale Kontrolle zu generieren.“ (Stadt Köln 2020). Der Platz soll also von mehr und unterschiedlicheren Menschen intensiver genutzt werden. Die Architektur allein vermag diese Aufgabe nicht zu lösen. Sie kann ein Gebrauchsangebot machen und als Identifikationsobjekt dienen. Sie kann einen Raum strukturieren und dazu beitragen eine Atmosphäre zu erzeugen. Die Einbindung des design-build Projekts in das Gesamtprojekt Unser Ebertplatz, das auch strukturell und programmatisch arbeitet, ist unerlässlich.

Das Temporäre von Café Ebertplatz ist hierbei von besonderer Bedeutung: Ergebnisse sind nicht auf längste Zeit in die Welt gesetzt, sondern als flüchtige Artefakte sind sie als „Hypothesen“ (Wolfrum und Jansen 2016: 123) in einem kulturellen Diskurs zur Architektur in einem spezifischen Kontext zu verstehen und damit essenziell für die Debatte um die „beste, niemals richtige“ Lösung (ebd.). Etablierte und erfolgreiche Typologien werden im Rahmen dieser Projekte auf ihre Angemessenheit für die vorliegende Entwurfs- und Bauaufgabe hin untersucht. Dies gilt bei Café Ebertplatz für den Neubau ebenso wie für den Bestand (siehe Abbildungen 4 und 5). Das Hinterfragen großzügiger städtebaulicher Gesten der siebziger Jahre, oft mit einer Trennung von PKW und Fußgängerverkehr, in diesem Fall mit einem formal eleganten, landschaftlich-topografischen Aspekt, ist auch an anderen Orten in die Kritik geraten und bedarf einer Re-Evaluierung. Als Reaktion auf die Kritik, die teils zu Abrissen führt, entstand zum Beispiel die Bewegung „SOS Brutalism“ (Deutsches Architekturmuseum und Wüstenrot Stiftung, (Hg.) o. J.) mission statement.

Man sieht Abbildungen des Neubauelements Baumpavillion, eine Gesamtansicht und eine Detailansicht der Unterkonstruktion
Abbildung 4: Das Neubauelement Baumpavillion.
Foto: Eigene Aufnahme Projektteam Café Ebertplatz.

Für die studentische Intervention im Selbstbau am Ebertplatz stellte sich daher die Frage, ob wir den Platzraum innerhalb derselben Prinzipien weiterbauen möchten, zum Beispiel als Erweiterung der vorhandenen landschaftlichen Elemente, oder, ob wir neue Elemente mit eigenen Prinzipien hinzufügen und unseren Eingriff als den Beginn einer Transformation der vorhandenen Platztypologie verstehen. Mit Blick auf den Prozess und die bisherigen Erkenntnisse zum Ebertplatz schien eine Transformation der erfolgreichere Weg. Der temporäre studentische Selbstbau wurde damit Teil einer Forschung, die über den Selbstbau hinaus für einen typologischen Aspekt des Entwerfens von Relevanz ist.

Man sieht Abbildungen der Bestandsarchitektur am Ebertplatz, die von viel Betonflächen und Leere geprägt ist.
Abbildung 5: Bestandsarchitektur am Ebertplatz.
Eigene Aufnahme Projektteam Café Ebertplatz.

Die kritische Auseinandersetzung rückt vor allem drei Aspekte zur architektonischen Typenbildung und ihrer Entwicklung als leitende Forschungsfragen in den Vordergrund:

  1. Wo liegen die Grenzen einer existierenden Typologie?

    Ist eine etablierte Typologie für die konkrete Entwurfs- und Bauaufgabe angemessen oder muss sie angepasst werden? Welche Faktoren, wie Programm, Nutzerwünsche und -beteiligung oder Baumaterial führen zu diesem Transformationsdruck?

  2. Welche Auswirkungen hat das geplante Objekt auf die Bedeutungszuschreibung eines Raumes innerhalb der Nutzer:innenschaft?

    Greift das neue räumliche Angebot und wird es angeeignet? Welches Diskurspotential zur Architektur entsteht unter den Nutzenden? Entstehen Narrative und wenn ja, welche? Vermag es spezifische Themen, die für das Leben in gemeinschaftlichen städtischen Räumen von Relevanz sind, wie Freude, Sorgfalt und Pflege, zu vermitteln?

  3. Was macht eine Typologie im Kern aus?

    Welche Elemente müssen trotz aller Beschränkungen des studentischen Selbstbaus und seiner finanziellen Voraussetzungen vorhanden sein? Welche architektonischen Eigenschaften braucht ein räumliches Objekt, um als etwas Bestimmtes und Bestimmbares erkennbar zu werden? Wie gelingt es, Konstruktion und Sprachlichkeit zu integrieren und Banalität trotz Einfachheit zu vermeiden?

Die Methode zur Bearbeitung dieser Fragen ist das architektonische Entwerfen als Syntheseleistung in Auseinandersetzung mit dem konkreten gesellschaftlichen Kontext. Das Ergebnis ist das entworfene und anschließend mit den zur Verfügung stehenden Mitteln gebaute Objekt. Der erfolgreiche Gebrauch des Objekts beinhaltet seine Evaluierung. Bei allen Fragestellungen wird deutlich, dass sie im Rahmen eines rein theoretischen Entwurfsprojekts nicht umfänglich zu beantworten wären, wie es in einem Projekt mit gebautem Ergebnis, also einem design-build Projekt der Fall ist.

Die Fragestellungen durchziehen daher alle Phasen von Café Ebertplatz vom Entwurfsprozess, der Auseinandersetzung mit dem konkreten Ort und seinem kulturellen Kontext, sowie dem Bauprozess und den vielzähligen auch spontanen Entscheidungen darin sowie den post-occupancy-studies, also Fragestellungen zu einer Nutzung bzw. Aneignung durch Nutzende nach Vollendung des Bauwerks und dem Rückzug der bauenden Studierenden. Sowohl der Entwurfs- und Bauprozess als auch die anschließende Reflexion und Verschriftlichung der Ergebnisse sind wesentliche Bestandteile der Forschung, die auf die kontinuierliche Weiterentwicklung der Angemessenheit architektonischer Typologien zielt.

Neben dem aktuellen Schwerpunkt der Beschreibung von studentischen Selbstbauprojekten als pädagogische Formate ist dieser Aspekt im studentischen Selbstbau bisher nicht stark thematisiert. Als Teil einer umfassenden Gebäudelehre können studentische Selbstbauprojekte einen wichtigen Baustein zur Untersuchung der Zusammenhänge von Typologie als Form, Programm und Bedeutungszuschreibung für die Architekturlehre leisten. Unsere Erfahrungen zeigen ein Interesse an diesen Fragestellungen auch innerhalb einer breiten Stadtgesellschaft: Architekturspaziergänge, Science Slams, Workshops mit der Bundeszentrale für politische Bildung oder eben die Durchführung und Diskussion der studentischen Selbstbauprojekte vor Ort zeigen dieses Diskurspotential. Es gibt einen Bedarf an der Vermittlung von Wissen.

Konkret: Baumpavillion und Containerhut

Das Projekt Café Ebertplatz besteht aus zwei Elementen, die bestehende Objekte überformen und so zu etwas Neuem machen: einer Holzplattform unter einem Baum, die diesen dadurch zum Baumpavillon macht und ein Hut für einen Gastro-Container, der diesen zu einer Art Kaffeehäuschen überformt (siehe Abbildung 6 und 7).

Der Ebertplatz als räumliches Ensemble aus unterschiedlichsten Situationen von großer formaler Kohärenz, ein Entwurf des städtischen Planungsamtes der Stadt Köln unter Werner Baecker, welches 1977 fertiggestellt wurde, wird im Projekt differenziert betrachtet und hoch wertgeschätzt. Trotz der ästhetischen Qualität des baulichen Bestandes besitzt dieser aktuell eine geringe Nutzungsdichte, es gibt wenig institutionalisierte Akteur:innen und kein räumliches Element, welche die große Platzfläche im Zentrum des Platzes für ein diverses Publikum bespielt. Es wird kein dauerhaftes breites Gebrauchsangebot auf der Platzfläche gemacht. Die Nutzungsdichte gilt es durch räumliche Angebote für unterschiedliche Nutzergruppen, in Bezug auf zum Beispiel Alter, Geschlecht und finanzielle Möglichkeit, zu erhöhen.

Der Ebertplatz ist mehrfach lesbar. Er lässt sich sowohl als städtischer Platz mit urbanen Qualitäten, als auch als Grünraum in der Fortsetzung des Grüngürtels am Theodor-Heuss-Ring im Osten begreifen. Der Eingriff stärkt beide Aspekte. Der Raum unter dem Baum wird als Pavillon im Grünen aktiviert ebenso wie die die Platzfläche umgrenzenden Waschbetonsitzelemente. Das Kaffeehaus lässt sich sowohl als Gartenarchitektur, als auch als städtischer Kiosk verstehen. Statt einer Entscheidung versuchen wir ein sowohl als auch. Beide Objekte besitzen eine Vielzahl von Referenzen. Sie bedienen sich etablierter Raumtypen, um zu einem tragfähigen, inhaltlich dichten Vorschlag zu gelangen. Die Sitzplattform unter dem Baumpavillon wird vor allem durch den Takht angereichert.

Eine Strichzeichnung eines Takht, ein Sitz- und Liegeobjekt aus dem Nahen Osten, etwa von der doppelten Größe eines Sofas.
Abbildung 8: Links: Strichzeichnung Takht. Rechts: Baumhain über einer Gruppen von Takh‘en.
Quelle: Eigene Darstellung Projektteam Café Ebertplatz.

Der Takht ist ein Sitz- und Liegeobjekt, das wir auf unseren Reisen in den Iran und nach Indien kennenlernen. So wird die Oberfläche der Sitzplattform über den Teppichgedanken ornamentaler und es gibt die beweglichen Sitzdreiecke zum Anlehnen. Takht‘e befinden sich oft in Baumbestandenen Gärten, die mit Lämpchen behangen eine Art flüsternder Decke über dem Sitzobjekt bilden (siehe Abbildung 8). Der Baum wird das Dach des Sitzdecks.

Eine Strichzeichnung eines Südwester-Huts, der eine schützende Geste über dem Träger beschreibt.
Abbildung 9: Links: Strichzeichnung Südwester. Mitte: Strichzeichnung Sebil, Istanbul.
Rechts: Strichzeichnung Bastei, Köln. Quelle: Eigene Darstellung Projektteam Café Ebertplatz.

Der Containerhut beschreibt eine schützende Geste (Abbildung 9). Er macht aus dem Container ein Objekt, das zum Leben auf dem Platz beiträgt, indem es einen wichtigen programmatischen Beitrag auf Erdgeschossniveau leistet und zugleich eine Zeichenhaftigkeit als absichtsvoll gestaltete Konstruktion entfaltet, wie es auch historische Kioske, Vorläufer der Kaffeehäuser, tun (siehe Abbildung 9). Dabei verweist es auf eine andere, nahegelegene Ausflugsarchitektur – die Bastei von Wilhelm Riphahn von 1927 (siehe Abbildung 9).

Der Ebertplatz besitzt eine wohlchoreographierte Topografie. Die Fußgänger:innenebene taucht von Osten und Westen her aus den Unterführungen auf, die zentrale Platzfläche befindet sich auf der Kuppe dieser Erhebung, leicht unter dem Niveau der Straße. Hier wurde ein existierendes Element zu neuem Leben erweckt: die Wasserkinetische Plastik des Kölner Künstlers Wolfgang Göddertz von 1977 wurde ivm Sommer 2018 zum Funktionieren gebracht. Durch das sehr große, rauschende und zum Kinderspiel hervorragend geeignete Wasserspiel wird die Fläche des Ebertplatzes zum städtischen Naherholungsgebiet, was besonders im heißen Sommer 2018 für einen Besucher:innenansturm sorgt. (Wolff 2018 und eigene Beobachtungen). Der Baumpavillion, der ein schattiges Plätzchen zum Trocknen oder Zuschauen auf der sorgfältig gearbeiteten Fläche mit mobilen Rückenlehnen bietet ist, schon vor der Fertigstellung in Benutzung.

Eine Strichzeichnung der drei neuen Elemente wasserkinetische Plastik, Baumpavillon und Container mit Hut auf der vorhandenen Kuppe des Ebertplatzes.
Abbildung 10: Strichzeichnungen der drei Elemente wasserkinetische Plastik, Baumpavillon und
Container mit Hut auf der Platzkuppe. Quelle: Eigene Darstellung Projektteam Café Ebertplatz.

Der Containerhut, welcher in einer zweiten Bauphase errichtet wird, stattet den Container mit zusätzlichen formalen Eigenschaften aus. Der Container wird durch seine Vertikalität und die spezifische Form zu einem eigenständigen Objekt, das auch von außerhalb des Platzraums sichtbar ist. Neben dem existierenden Brunnen entstehen den Eingriff im studentischen Selbstbau auf der Kuppe des Ebertplatzes zwei weitere sehr eigenständige Objekte als Ensemble (siehe Abbildung 10).

Rückblick auf Kooperation und Ergebnis am Ebertplatz

Mit mit dem Titel „Insel der Glückseligen“ beschreibt Wolff in der Kölner Rundschau die Veränderungen am Ebertplatz vor und nach den ersten größeren Ergebnissen der Umsetzung des Zwischennutzungskonzepts mit allen seinen Bestandteilen aus Struktur, Programm und Gestaltung (siehe Abbildung 11).

Man sieht, wie viele Menschen die Sitzplattform und den Brunnen am Ebertplatz mit Freude nutzen.
Abbildung 11: Sommerleben am Ebertplatz. Quelle: Wolff 2018 (beschnitten).

Die deutliche Zunahme der Aktivitäten am Platz wurde erreicht. Es wird ein sehr viel breiteres Publikum eindeutig adressiert. Familien mit Kindern verbringen hier tagsüber Zeit und alle, die im Sommer Abkühlung suchen. Die zwei Bestandteile des Studentischen Selbstbaus – die programmatische Ertüchtigung des Baumpavillons und die formale Ertüchtigung des Gastro-Containers greifen in diesem Kontext und werden angeeignet. Der Zwischenbericht der Stadt Köln zum Ebertplatz fällt positiv aus Er beinhaltet das Gesamtprojekt Unser Ebertplatz, benennt aber auch die gestalterische Aufwertung: „Gestalterisch wird die Architektur des Platzes durch unterschiedliche Projekte aufgewertet und in seinen Funktionen gestärkt.“, sowie die grundsätzliche Beteiligung unterschiedlicher Akteur:innen: „Am Platz arbeiteten zudem diverse Hochschulen, im Rahmen von Kooperationsverträgen unter anderem die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen sowie die Köln International School of Design (KISD) (Stadt Köln 2020). Es bedarf keiner Zählung der Nutzenden, um zu erkennen, dass öffentliches Leben, im Sinne einer pluralen, intensiven und vielfältigen Nutzung der unterschiedlichen Platzbereiche stattfindet.

Café Ebertplatz ist für den Lehrstuhl für Gebäudelehre ein erfolgreich abgeschlossenes forschungsgeleitetes studentisches Selbstbauprojekt.

  1. das Temporäre: Es ermöglicht einen experimentelleren Zugang zur Aufgabe. Der Containerhut besitzt als aufgelöstes Holzraumfachwerk eine skizzenhafte Qualität, die einer Materialökonomie geschuldet ist. Hier fallen entwerferische Fragen und Budget-Voraussetzungen zusammen. Das Temporäre macht aus den Beschränkungen ein Potenzial.
  2. Personen der Verwaltung als Gelenke: Um ein solches Projekt innerhalb der Lehre an einer Hochschule mit ihren halbjährlichen Semesterzyklen durchführen zu können ist es sehr hilfreich eine städtische Ansprechperson zu haben, die innerhalb der Verwaltung Vertrauen besitzt und städtische Strukturen kennt. Diese kann als Lotse fungieren und Prozesse, in unserem Fall vor allem der Baugenehmigung für den Containerhut, moderieren und zu einem reibungslosen zeitlichen Ablauf essenziell beitragen.
  3. Räumlich begrenzte Ergebnisoffenheit: Diese ist für unsere Forschung unerlässlich. Der Ebertplatz als Gesamtplanung und räumlicher Rahmen für eine ergebnisoffene Intervention hat uns die Möglichkeit gegeben, unterschiedliche typologische Ansätze in der Planung auszuprobieren, bevor wir uns im Austausch mit anderen Projektbeteiligten für die Realisierung eines Ansatzes entschieden haben. Durch die Einbindung in ein Lehrformat besitzt die Hochschule zudem das Potenzial der vielen Bearbeitenden aus Studierenden, Lehrenden und Forschenden. Dieses Potenzial kann nur dann eingesetzt werden und sich inhaltlich entfalten, wenn es einen weit gefassten Untersuchungsgegenstand gibt, der mit der Agenda der Forschungseinrichtung überein gebracht werden kann.

Mit Freude haben wir wahrgenommen, dass das Zwischennutzungskonzept am Ebertplatz um zwei weitere Jahre (2022–2024) avisiert worden ist, weil es positiv bewertet wurde und ein längerfristiger Umbau aussteht. Die Ausrichtung der 2. Phase beinhaltet nochmals intensiver den Fokus der Entwicklung von Nutzungsideen (Phase 0/ Vorqualifikation der Planung) und wird inhaltlich von der TH Köln, Fachbereich Architektur, Lehr-/Forschungsgebiet: Städtebauliches Entwerfen und Planungspraxis in Kooperation mit Baukultur NRW begleitet. Wir sind gespannt auf den nächsten Zwischen- oder Abschlussbericht der durchführenden Verwaltung an den Rat der Stadt Köln und darauf, wie Ergebnisse des Zwischennutzungskonzepts in den Bericht und eine längerfristige Planung Eingang finden werden.

Das Projekt Café Ebertplatz hat gezeigt, dass ein gebrauchsorientiertes, kleinmaßstäbliches räumliches Angebot für die Belebung des Platzes wichtig war.

Architektonisch waren hierbei sowohl formale, funktionale, konstruktive Aspekte, sowie Fragen der Bedeutungszuschreibung für jedes Objekt – auch wenn es von geringer Größe war – relevant. Es gibt eine große Bandbreite historischer und zeitgenössischer Architekturen, die als Vorbilder einer Platzbelebung zuarbeiten könnten. Deren Referenz ermöglicht es, selbst kleine Objekte mit Bedeutung anzureichern und sie einer jeweils eigenen Interpretation durch viele Einzelne anzubieten. In einer diversen Gesellschaft sollte dies ein Ziel sein. Neben der aktuell verbesserten Situation vor Ort ist ein learning-from, also die kontinuierliche Einarbeitung aktualisierter (Forschungs-)Ergebnisse in einen längerfristigen Prozess das große Potenzial solcher Kollaborationen.

Teilnehmende „Café Ebertplatz“

RWTH Aachen - Fakultät für Architektur, Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfers:
Bernadette Heiermann, Anna Marijke Weber, Anne-Julchen Bernhardt

Bauleitung RWTH:
Nina Gonzales, Schreinerin, Köln

Tragwerksplanung:
Ingenieurbüro Jürgen Bernhardt, Köln

Köln International School of Design der Technischen Hochschule Köln:
Carolin Höfler und Mario Frank, Integrated Designer

Berufskolleg Ulrepforte – Köln:
handwerklichen Projektleiterin Susanne Bayer, Werkstattlehrerin Holztechnik und Tischlermeisterin

Studierende RWTH Aachen:
Tsvetelina Bacheva, Ahmad Badawi, Mandy Becker, Maximilian Bienefeld, Anatol Bogislav, Nils Brüggemann, Marlon Brownsword, Baptiste Burget, Gianmarco Cioni, Christoph Clemens Wilhelm Collisi, Eleni Diamanti, Michael Dratwa, Heba Elkhalifa, Jacqueline Engels, Lara Gerhards, Lion Gerlich, Florence Gilbert, Helen Gräser, Andrea Maria Graf, Simone Theodora Grothuss, Rosa Justo Leon, Johann Wonkee Kim, Kyu-Min Lee, Sarah Leibeling, Thorsten Lentzen, Marius Wolfgang Manthei, Sümeyye Merdivan, Lisa-Vanessa Meyer, Linda Neumeier, Marc Paeßens, Elena Pluschnikov, Majid Rokni, Signe Schuler, Kai Shao, Jaeho Shin, Teo Robert Stade, Mehmet Tanpolat, Gordon Thomas Trill, Julie Vormweg, Linda Voullié, Felix Westerwelle, Salma Zaher

Studierende KISD:
Myrina Andrack, Hannah Baldauf, Victor Carlier, Jonas Faßbender, Ophelia Fischer, Johannes Growe, Ina Kopezki, Saskia Müller, Celine Rötzel, Franziska Severin, Katharina Stahlhofen, Julia Topolewski, Conrad Weise

Schüler:innen Berufskolleg Ulrepforte

About the author(s)

Anna Marijke Weber, Dr.-Ing., Architektin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Gebäudelehre der RWTH Aachen University. Ihre Projekte in Kooperation mit unterschiedlichen Institutionen im In- und Ausland umfassen Forschung, Lehre und studentischen Selbstbau, wie Transfer – Bauten von Migranten in der Bundesrepublik und die ACademie für kollaborative Stadtentwicklung.

Anna Marijke Weber, Dr.-Ing., architect, is a research associate at the Chair of Building Typology at RWTH Aachen University. Her projects in cooperation with different institutions in Germany and abroad include research, teaching and student self-construction, such as Transfer - Buildings by Migrants in the Federal Republic and the ACademie for Collaborative Urban Development.

References

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Gleiter, Jörg H.; Hehl, Rainer; Müller, Mathias und Roswag-Klinge, Eike (2018): Think. Design. Build. Type, Typology, Typogenesis, International conference november 8–9, 2018. TU Berlin. http://thinkdesignbuild.architektur.tu-berlin.de/, Zugriff am 20.11.2018.

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Wolfrum, Sophie und Janson, Alban (2016): Architektur der Stadt. Stuttgart: Kraemerverlag.