LesetippsHier verweisen wir auf kürzlich erschienene Texte und Beiträge aus ganz unterschiedlichen Medien. Soweit möglich, liefern wir die entsprechenden links gleich mit; andernfalls ist die eigene Recherche gefragt.
Lesetipps IV|2011
Michael Ackermann (2010): Bürger versus Staat? Der allseits beanspruchte Bürger. In: Kommune – Forum für Politik, Ökonomie, Kultur. Ausgabe 06/2010, S. 14- 17. Online unter: http://www.oeko-net.de/kommune/kommune-2010/kommune-06-10/abuergerstaat.htm, abgerufen am 09.11.2011 Parallel zu den Protesten gegen Stuttgart 21 ging ein Rauschen durch den Blätterwald der überregionalen Zeitungen und Zeitschriften. Der Begriff des „Wutbürgers“ kursierte und skizzierte das Bild eines saturierten Spießbürgers, der sich aus egoistischen Motiven über parlamentarische Entscheidungen hinwegsetzt. Unwidersprochen blieb dies natürlich nicht. So wurde in Bezug auf die Stuttgart 21-Gegner ein anderes Bild, dass des staatstreuen Citoyens gezeichnet, der für ein berechtigtes Anliegen auf die Barrikaden geht, weil er bei der Politik kein Gehör findet.
Unabhängig davon, welcher Interpretation man folgen will: Was bleibt, ist der wahrgenommene Konflikt zwischen dem Staat und der Politik auf der einen und den Bürgern auf der anderen Seite. Aber ist dieses dichotome Bild nicht vielleicht doch etwas zu plakativ, zu holzschnittartig? Wo liegen die Gründe für den Protest von Bürgern wirklich und wie kann man ihm begegnen? Diese Fragen stellt sich Michael Ackermann in seinem lesenswerten Aufsatz. [Fabian Terbeck]
Die Rückkehr der Höhlenbewohner und Nomaden Tillmann Prüfer: »Weniger Platz, bitte! Ein Plädoyer« In: ZEIT Magazin Nr. 43 vom 10.10.2011, S. 12 ff Wie viel Platz braucht ein Mensch zum Leben? fragt Tilmann Prüfer und kommt in seinem »Plädoyer für das kleine Wohnen« zu dem Schluss, dass es nicht (mehr) sehr viel ist. Tausche man die Regalwand zu Hause gegen das unterwegs stets verfügbare E-Book, das Arbeitszimmer gegen einen Laptop und sein flächenfressendes Wohneigentum gegen die flexible Wohngemeinschaft auf Zeit, so reduziere sich der Platzbedarf enorm. Und so plädiert Prüfer gegen große, leere, unbehagliche, wenig effiziente Wohnräume und stellt im weiteren Heft Menschen dar, »die bewusst auf kleinem Raum wohnen« – die modernen »Höhlenbewohner«. Daneben stößt er auf einen anderen Menschenschlag: Wer braucht überhaupt noch eine Wohnung, wenn Funktionen wie essen und baden (...) aus den heimischen Wänden ausgelagert werden? Der moderne »Nomade« jedenfalls nicht. Ob und welches der im Heft präsentierten Wohnbeispiele verschiedener Künstler, Architekten, Designer und Fotografen nun die Lust am »kleinen Wohnen« weckt, sei jedem selbst überlassen. [Sarah Ginski]
Lesetipps III|2011
Über die virtuelle Welt im öffentlichen Raum Was machen wir heute? Eine Runde Planking, Adbusting, Containern oder Parcouring? Oder doch lieber Geocaching, Outdoor-Clubbing oder Guerilla-Gardening? Wie wäre es mit einem Flash- oder Smartmob? Wem bislang noch nicht klar war, was man alles »draußen« machen kann, der findet im Beitrag von Hanno Reuterberg viele Hinweise auf aktuell beliebte Aktivitäten im öffentlichen Raum. Anknüpfend an frühere Diskussionen zum Niedergang des öffentlichen Raumes zeigt Hanno Rauterberg, dass es trotz vorhandener Privatisierungstendenzen einen deutlichen Drang in den öffentlichen Raum gibt. Viele Aktivitäten finden ihren Ursprung oder ihren Anstoß in der virtuellen Welt: »Die virtuelle Welt ist also nicht der Feind des öffentlichen Raumes, wie lange behauptet wurde.« Vielmehr gibt es Hybridisierungstendenzen – die Grenzen zwischen Virtuellem und Realem verwischen ebenso wie die zwischen Öffentlichem und Privatem. Informations- und Kommunikationstechnologien spielen dabei eine wesentliche Rolle. (mk)
Lesetipps II|2011
Stuttgart 21 in Büchern Nach der hohen Medienpräsenz in Presse, Funk und Fernsehen ließen auch die ersten Bücher zu Stuttgart 21 nicht lange auf sich warten. Und so erschienen die ersten schon im November 2010. Eines der ersten S21-Bücher veröffentlichte Wolfgang Schorlau, der unter dem Titel »Stuttgart 21. Die Argumente« Beiträge von rund 30 S 21-Gegnern sammelte. In den einzelnen Artikeln werden bahntechnische, ökologische, finanzielle, denkmalschutzrelevante, stadtplanerische und architektonische Belange untersucht und kommentiert und natürlich die Alternative K21 diskutiert. Das Spektrum der Autoren reicht dabei von Journalisten wie Andreas Zielcke und Kolumnist Joe Bauer, über den Schauspieler Walter Sittler und den Kunsthistoriker Nils Büttner bis hin zu Politikern wie Peter Conradis und Boris Palmer – um nur einige der rund 30 Autoren zu nennen. Dass die Sammlung dabei keinesfalls eine ausgeglichene Abwägung der Pro- und Contraargumente enthält, sondern vielmehr ein Statement der Gegner ist, lässt sich beim Anblick des Buchcovers bereits erahnen. Auch wenn man sich wünscht, die Argumente für den Bahnhofneubau und die damit verbundenen Chancen für die Stuttgarter Innenstadt würden nicht alle verschwiegen oder direkt widerlegt, ist eine erstaunlich vielfältige und unterhaltsame Sammlung von Daten und Informationen gelungen. Mittlerweile gibt es eine ganze Flut von Publikationen, die sich mit Stuttgart 21 beschäftigen, so zum Beispiel der Versuch von Melanie Liebnitzky in dem Buch »Stuttgart 21 Pro und Contra: Fakten zu einem besonders umstrittenen Bauprojekt unserer Zeit« die Daten und Fakten zusammenzutragen. Dabei versucht sie sich von den gegnerischen Parteien zu lösen und die Argumente beider Parteien sachlich gegenüber zu stellen. Wolf Reiser sucht in seinem Buch »Die ganze Wahrheit über Stuttgart 21 - Und wie es mit uns allen weitergeht« die Ursachen für die scharfe Debatte eher in der kulturellen Identität. Der Fotoband »Der Stuttgarter Bauzaun: Phantasie des Protests« von Sybille Weitz, Ulrich Weitz, Heinke Brantsch, Ulrike Mössinger oder die Materialsammlung »Oben bleiben!!! Manifeste und Bilder des Protests« von Albrecht Götz von Olenhusen, Gerd Paulus illustrieren den ausdruckstarken wie kreativen Protest anschaulich. Man darf also gespannt sein, welch vielfältige Folgen Stuttgart 21 noch nach sich ziehen wird und wie die Ereignisse aufgearbeitet werden. (sg)
Auf den Spuren Karl Brunners Auch wenn man sich zunächst fragt, warum die Betrachtung des lateinamerikanischen Städtebaus ausgerechnet an das Werk Karl Brunners geknüpft wird, macht der erste Blick ins Buch deutlich, dass hier weit mehr als nur der Städtebau des Wieners betrachtet wird. Andreas Hofer gibt einen wunderbaren Einblick in die südamerikanische Stadtbaugeschichte. Angefangen bei den kolonialen Neugründungen von Städten, über den räumlichen Ausdruck der Unabhängigkeit, die Modernisierung und den »Import von europäischen Stadtmodellen des 19. Jahrhunderts« bis hin zum funktionalen Städtebau der 1930er bis 1960er Jahre, wird das Zusammenspiel zwischen Planungsentwicklung und Anwendungspraxis deutlich. Er vollzieht das Für und Wider, das Auf und Ab der Stadtentwicklungen von Santiago de Chile, Buenos Aires, Bogotá u.a. nach, die keinesfalls geradlinig, dafür aber immer wieder im Spannungsfeld zwischen kolonialen Erbschaften, europäischen Vorbildern und lokalen Identitäten abliefen. Längst nicht jede der dargestellten Planungen wurde realisiert – ob zum Vor- oder Nachteil der jeweiligen Stadt lässt sich dabei wohl kaum sagen. Die zahlreichen, wenn auch manchmal kleinen Abbildungen von Plänen, Skizzen, Fotos und Modellen dienen dabei der anschaulichen Illustration. Die Auswahl deutschsprachiger Literatur, die Einblick in den lateinamerikanischen Städtebau gibt, ist eher gering. Von daher ist das umfassende Werk von Andreas Hofer eine besondere Bereicherung – insbesondere nach all den Jahren, in denen die spanischsprachige Ausgabe schon vergriffen ist, kommt der ersten deutschen Version besondere Bedeutung zu. In jedem Fall macht das Buch Lust darauf, die Spuren Karl Brunners aufzunehmen und vor Ort, in den lateinamerikanischen Städten selber auf die Suche zu gehen: nach den uns bekannten Elementen der europäischen Stadt, gepaart mit der Gradlinigkeit des Rasters, dem Chaos des rasanten Wachstums und der temperamentvollen lateinamerikanischen Lebensart. (sg/jp)
Lesetipps I|2011
Kleine Leute, ganz groß Es gibt ein tief in unsere gemeinsame Sprachwelt eingebranntes Bild: das von der großen, großen Stadt und dem kleinen, einzelnen, verlorenen Menschen darin. Erzeugt und verfestigt wurde dieses Bild in allen Arten der Literatur – vom Groschenheft bis zu den Klassikern der Moderne. Nun hat jemand dieses Bild wieder in Bilder zurückübersetzt und dabei die Schraube von Bild und Begriff noch ein paar Umdrehungen weitergedreht. Der 32 jährige britische Streetartist Slinkachu setzt kleine, handbemalte oder –entstellte Figürchen, die man sonst aus Modelleisenbahnen kennt, in städtische Umfelder und freut sich dann (wie es in der Wikipedia heißt), »dass fast niemand meine Arbeiten sieht. Denn wir alle ignorieren absichtlich oder unabsichtlich vieles, das uns in einer Stadt umgibt«. Die Szenen, die er installiert, sind zum Teil ganz alltäglich – Kanalarbeiter stemmt sich aus Gulli, Mann mit Einkaufstüte besteigt Pkw –, können aber auch absurd oder befremdlich sein: Mann »erschießt« ohnehin schon tote Hummel (die größer ist als er selbst) und weist seine Tochter darauf hin, dass das keine Schmusetiere seien, von einer Sicherheitsnadel hingemordeter, blutüberströmter Mann liegt auf der Straße, Frau geht versunken an einer Tüte vorbei, murmelnd »eines Tages wird er mich bemerken« und so fort… Ganz offensichtlich will der Künstler seine Werke aber doch nicht unbeachtet irgendwo im Schmutz einer Mauerecke belassen. Zu dem Zweck fotografiert er seine Werke ganz nah und mit geringer Tiefenschärfe – und nun kommen sie ganz groß heraus. Mit einem Mal verschieben sich die Maßstäbe beim Betrachter – wenn etwa eine Zigarettenschachtel haushoch die beiden Figuren überragt, die sie betreten. Solche Bilder bilden die eine Seite des kleinen Buches. Der eigentliche Clou besteht jedoch in der jeweils gegenüberliegenden Seite. Da wird die Inszenierung im »Normalmaßstab« fotografiert und verschwindet dann zentimeterklein in den jeweiligen städtischen Alltags-Umfeldern. Daraus ergeben sich sehr spannungsreiche Eindrücke, die allemal zur Relativierung gewohnter Wahrnehmungen beitragen. Manche meinen, das alles sei auf den Nenner von »Isolation und Einsamkeit in Großstädten« (so die Zeitschrift Art) zu bringen. Wer schon zu oft mit dem Stereotyp »große Stadt – kleiner Mensch« konfrontiert wurde, dürfte aber eher beim Durchblättern schmunzeln, wenn nicht hellauf lachen und die Bildersammlung eher als ironische Brechung eben dieses kulturpessimistischen Themas, vermischt mit einem guten Schuss britischen Humors, betrachten. Und noch ein Hinweis: Wer schon vor dem Buchkauf Bilder sehen will, findet sie im Netz – zum Beispiel unter http://slinkachu.com/, http://little-people.blogspot.com/ oder: http://streetart.berlinpiraten.de/slinkachu-ein-kleines-streetart-projekt/ . (ks)
»Städte entwickeln sich nicht nach den Partituren, die Architekten ihnen komponieren.« (Angelus Eisinger in: Die Stadt der Architekten, 2006) Sonja Lüthi berichtet beim Online-Magazines www.german-architects.com von einer interessanten Vortragsreihe der Kollegen und Kolleginnen der Berner Fachhochschule Architektur, Holz und Bau. Zum Thema »Jenseits von Planung« sprachen dort Stadtplanerin Ute Schneider, Direktorin KCAP Zürich, Stadtplaner Thomas Sieverts, Regionalsoziologe Harmut Häussermann und Planungshistoriker Angelus Eisinger. Fragestellungen wie: Was leistet ein Plan? Welche Rollen nehmen Planer heute ein? Mit welchen Umwälzungsprozessen haben wir es heute zu tun? Wer ist schuld an schlechten Städten und miesen Orten? wurden angesprochen. Und wenn man schließlich doch feststellen muss: »Städte entwickeln sich nicht nach den Partituren, die Architekten ihnen komponieren.“ (Angelus Eisinger aus: Die Stadt der Architekten, 2006), ercheint der Planer immerhin als Dirigent . Neben diesem, sind auch viele andere Artikel auf http://www.german-architects.com/emagazines/index/2 auch für Stadtplaner und Stadtentwickler einen Blick wert. (lz)
Lesetipps III|2010
In dieser Ausgabe mit einer Presseschau zu Stuttgart 21 und die Folgen von Sarah Ginski (sg), Marion Klemme (mk) und Klaus Selle (ks). Die vollständige Presseschau finden Sie hier. Lux: Gutes Spiel, aber S21 hat sich selbst versenkt
Dagmar Deckstein : Die Argumente der Gegner. SWR (Hg): Pro Jahrhundertprojekt. Argumente für S21/Contra Milliardengrab. Argumente gegen S21 Kerstin Bund, Robert Leicht: »Soll der Bahnhof unter die Erde? Das Projekt Stuttgart 21 sei eine gute Investition, glaubt Robert Leicht. Pure Geldverschwendung, erwidert Kerstin Bund. Ein Pro und Contra.« Stuttgarter Zeitung (Hg): Die zehn wichtigsten Streitpunkte. Die Standpunkte in der Diskussion um Stuttgart 21 sind verfestigt und eine ernsthafte Konfliktlösung scheint in weiter Ferne. Doch wie kommt es zu solch starren Standpunkten, die an regelrechte Glaubenssätze grenzen? Wie kann es sein, dass beide Seiten so vehement behaupten »Recht zu haben« – juristisch, wie sachlich und moralisch? Beide Seiten argumentieren gleichermaßen polemisch wie diplomatisch, sachlich wie emotional, bringen dabei durchaus Glaubwürdiges vor und spicken es mit scheinbar unanfechtbaren Fakten. Und dennoch bleibt die Frage offen: Wer hat hier eigentlich Recht? Die Medien gehen der Frage nach dem »Recht« derzeit immer wieder durch eine Gegenüberstellung von Pro- und Contraargumenten nach. In der Schlichtungsdebatte, die Heiner Geißler übernommen hat, plädierte er ebenfalls dafür, die Fakten zusammenzutragen. Dies soll im Folgenden anhand einiger in der Presse diskutierten Argumente für unterschiedliche Themenfelder geschehen. Welches sind die strittgen Themen, Argumente und Gegenargumente? Doch dient das der Meinungsbildung oder gar der Schlichtung? ... (sg) weiterlesen
Stefan Dietrich (2010): Bürgerbeteiligung: Lebendige Demokratie. Während viele Befürworter von S_21 auf die ordnungsgemäße Durchführung der Verfahren verweisen und betonen, das hier doch alles seine Richtigkeit habe, sehen sich andere durch das Projekt veranlasst über die Ausgestaltung und die Werkzeuge der Demokratie nachzudenken. So auch Stefan Dietrich in seinem FAZ-Beitrag. »Was im Streit über »Stuttgart 21« in Frage gestellt wird, ist das formell korrekte Beteiligungsverfahren für die Bürger, das als solches nicht mehr erkannt und erfahren wird. Eine Demokratie muss von Zeit zu Zeit ihre Werkzeuge der Willensbildung erneuern. Das ist seit einer Weile nicht mehr geschehen.« ... (mk) weiterlesen
»Eine Demokratie muss von Zeit zu Zeit ihre Werkzeuge der Willensbildung erneuern. Das ist seit einer Weile nicht mehr geschehen«, so lautet die Kernbotschaft dieses Leitartikel der FAZ. Eingangs wundert sich der Autor, dass »es in einer Provinzmetropole, die nur so strotzt von wirtschaftlicher Kraft, zu einem solchen Bürgeraufstand kommen«. Dietrich erklärt dies zunächst damit, dass sich bei diesem Konflikt beide Seiten in höherem Maße als bei anderen Projekten »im Recht« sehen. Der Versuch, entstandene Konflikte nun durch »nachholende Kommunikation« zu mindern, sei aber nicht nur aus dem Grunde verfehlt. Vielmehr gehe es hier um ein angemessenes Verständnis von »lebendiger Demokratie«. Die sei »selbst eine Dauerbaustelle. Von Zeit zu Zeit muss sie nicht ihre Fundamente, aber ihre Werkzeuge der Willensbildung erneuern. Das ist seit einer Weile nicht mehr geschehen. Immerhin sind einige Jahrzehnte seit Willy Brandts „Mehr- Demokratie-wagen“-Welle ins Land gegangen. Damals wurde dem Obrigkeitsstaat in der Stadtplanung, im Naturschutz und bei Großvorhaben mehr Rücksicht auf unmittelbar betroffene Bürger verordnet. Doch was ist daraus geworden?« ...(ks) weiterlesen
Thomas Assheuer (2010): Wir haben die Nase voll. Thomas Assheuer fragt mit Blick auf die Widerstände gegen Stuttgart 21: »Was sagt der Protest über unsere Gesellschaft?« Die Menschen gehen auf die Barrikaden: »Der Protest ist bunt und frech und erfasst alle Milieus, es versammeln sich Linke und Rechte, Brave und Widerborstige, Junge und Alte, es kommen die Graumelierten und die gut Betuchten.« So beschreibt Thomas Assheuer das Bild des Protestes und stellt fest: »Das Gemeinwesen ist aufgewühlt und trotzig, gespalten und rebellisch. Doch immer dann, wenn es gegen »die da oben« geht, gegen die gewählten politischen Eliten, sind sich die Wähler einig, und dann redet das Volk über seine Volksvertreter, als handele es sich um eine Zusammenrottung von Rosstäuschern und Berufsversagern, die nichts Richtiges zustande bringen, und wenn ausnahmsweise doch, dann das Falsche. ...(mk) weiterlesen
Sebastian Beck (2010): Völlig aus der Spur. Die Turbulenzen um Stuttgart 21 wirken politisch weit über die Stadtgrenzen hinaus. Sebastian Beck thematisiert mit seinem Beitrag in der SZ die Auswirkungen auf die politischen Verhältnisse in Baden-Württemberg. Die Landtagswahlen stehen vor der Tür und der Union droht ein Wahldesaster. Ein Sieg der CDU? »...ein solcher Wahlausgang (zählt) zu den eher unwahrscheinlichen Szenarien«. Und weiter stellt Beck fest: »Der Streit um den Bahnhofsbau hat die festgefügte Welt in Baden-Württemberg aus den Angeln gehoben. Bis vor ein paar Monaten noch stritten sich die Parteien um die Zukunft der Schulen auf dem Land. Diese und alle anderen Debatten sind im Getöse um Stuttgart 21 untergegangen, ein Projekt, das für Gegner wie Befürworter zum Symbol geworden ist« und für die Frage um »die Zukunftsfähigkeit des Landes« steht. ...(mk) weiterlesen
Burkhard Hirsch: Das Ende der Zuschauerdemokratie Wer Burkhard Hirsch als Alt-Liberalen bezeichnet meint das lobend. Denn er steht für eine FDP, die sich von der heutigen gerade in ihrer Prinzipienfestigkeit bei Fragen der gelebten Demokratie deutlich unterscheidet. In diesem Sinne ist auch sein Zwischenruf in der Süddeutschen Zeitung zu verstehen, dessen Untertitel bereits die Kernaussage enthält: »Behörden planen und stellen fest, Bürger regen an oder wenden ein – diese Rollenverteilung hat keine Zukunft mehr«. Mit der Wortwahl stellt Hirsch Bezüge zu Gesetzestexten her (z.B. Planfeststellung, Möglichkeiten, Anregungen zu formulieren - wie sie etwa im BauGB eröffnet werden), um gleich eingangs deutlich zu machen, dass diese »filigran, mit größter Akribie und mit der sprichwörtlichen Sorgfalt von Uhrmachern« erarbeiteten, komplexen Rechtsgrundlagen, diese »von bewunderungswürdigem ministerialen Formulierungsreichtum, von Wissen strotzende Kunstwerke« durchaus sinnvoll und notwendig seien – aber keinesfalls ausreichen: »Aber die Legalität befreit nicht von den Geboten der politischen Klugheit. ...(ks) weiterlesen
Heribert Prantl: Geißler 21 Nach dem Schlichterspruch sind durchaus nicht alle zufrieden. Und es wird aller Voraussicht nach mindestens noch bis zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg Aufruhr am und um den Bahnhof in Stuttgart geben. Aber einig scheint man sich doch in einem Punkt zu sein: Mit der (lokalen) Demokratioe kann es nicht so weiter gehen wie bisher. Das jedenfalls macht der Blick in die Presse – von links nach rechts – deutlich. Auch Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung sieht das so. Seine Folgerung: »Die Schlichtung war ein Experiment, bei dem Vertreter der internetgestärkten Zivilgesesellschaft mit Vertretern der repräsentativen Demokratie am Tisch saßen. Aus dem Experiment ist nun ein Vorbild geworden: Politiker werden künftig mit ihren Bürgern anders umgehen müssen. Demokratie bedeutet: Die Beachtung und Achtung des Bürgers, auch dann, wenn nicht gerade Wahlen anstehen. Demokratie ist nämlich mehr als eine Kiste (die bezeichnenderweise, wie auf dem Friedhof ›Urne‹ genannt wird) – und in die der Bürger alle paar Jahre seine Stimme wirft. Politiker müssen lernen, die Unruhe der Bürger als produktive Unruhe zu betrachten. (ks)
Martin Kaul: Vom Bürgerprotest zum Bürgerhaushalt Nur um zu verdeutlichen, wie einig man sich auf allen Enden des politischen Spektrums zu sein scheint, hir noch ein Satz aus der ›tageszeitung‹ (die gleich ein konkretes Mittel zur Intensivierung lokaler Teilhabe – den Bürgerhaushalt – ins Spiel bringt, was angesichts der strukturellen Defizite kommunaler Finanzen doch ausführlicher Diskussion bedürfte): »Denn aus dem Stuttgarter Konflikt zu lernen heißt: Nicht nur bei der weiteren Gestaltung der Stuttgarter Innenstadt, sondern auch in anderen Haushaltsfragen ihrer Kommunen müssen Bürger künftig aktiver, umfassender und frühzeitiger eingebunden werden. Ser sich dieser Idee nun annimmt, kann ein echtes Innovationsprodukt entwickeln: die Demokratie-Erneuerung in unseren Kommunen«. (ks)
Lesetipps II|2010
In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Marion Klemme (mk). »Lässt sich Wandel gestalten?«
Lesetipps I|2010
In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Gisela Schmitt (gs) und Marion Klemme (mk). »Ich bin eine Stadtmaus (...) und brauche kein Grün um mich herum«
Die Arbeit zeigt in einem historischen Überblick die Entwicklung des Stadtwohnens in Frankreich als kontinuierliche Linie vom Pariser Stadtumbau unter Haussmann bis zum heutigen Konversionsprojekt auf der Loire-Insel in Nantes. Das Wohnen in der Innenstadt besitzt in Frankreich und vor allem in Paris eine lange und – anders als in Deutschland – nie unterbrochene Tradition, die als permanente Fortentwicklung städtischer Wohnformen und -typologien von der Autorin dargestellt wird. Die systematische Einordnung und Aufarbeitung der Fallbeispiele fördert historische, aber auch wohnkulturelle Unterschiede zutage, die mit vielfältigen Anregungen auch die Diskussion hierzulande beflügeln können. (gs) »Die stillen Herrscher der Stadt: Die Villen von Radebeul« Die Villen von Radebeul sind nicht nur das Gesprächsthema Nr. 1 in der Kleinstadt im Elbetal, sie sind auch das „Gesicht der Stadt“. Oder wäre es treffender von einer Gesichtshälfte zu sprechen? Denn im „sächsischen Nizza“, auch „Insel der Glückseligen“ genannt, gibt es eben auch noch eine andere Seite: Ärmere Menschen, die in nicht ganz so schönen Häusern leben. Neue, vermögende Villenbesitzer kommen meist nicht aus Radebeul selbst, sondern ziehen zu. Alt Eingesessene werden dabei teils verdrängt - und „verdrängen“ ist sicher noch milde ausgedrückt, wenn man sich vergegenwärtigt, mit welchen Mitteln dabei teilweise vorgegangen wird. Jana Simon skizziert im ZEIT Magazin anschaulich verschiedene, teils gegensätzliche Facetten des Lebens in Radebeul: „Die Villen sind die Währung der Stadt. Wer kein Haus hat, kann auch nicht richtig mitreden.“ (mk)
Lesetipps III|2009
In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Antje Havemann (ah), Marion Klemme (mk) und Claus-Christian Wiegandt (ccw). Das Ende der Helden oder: Macher im Claire-Obscure Gerhard Matzig bricht in seinem Artikel eine Lanze für die Stadtplanung. Nicht ohne – da ist er ganz der Feuilletonist mit spitzer polemischer Feder – »das Elend einer Disziplin« auch ihr selbst anzukreiden. Vom Bilderdefizit ist die Rede, von zu vielen gescheiterten großkopferten Stadtvisionen und der Erkenntnis, dass es angesichts der global immer weiter wachsenden Agglomerationen für »das Leben in den hochverdichteten Citys […] keine gültigen Blaupausen« mehr gibt. Während die gegenwärtigen Probleme in den Städten die Stadtplanung als führende Disziplin zu ihrer Lösung geradezu einzufordern scheinen, seien es aber »erstaunlicherweise« die Architekten, »die mit großen Gesten die wenigen Stadtdiskussionen der Gegenwart dominieren.« Ein Umstand, den Gerhard Matzig, wie zu erahnen ist, für die Sache keineswegs förderlich findet. Traumstadt oder Traumastadt? Noch vor kurzem wäre es einem schwer gefallen, Gemeinsamkeiten zwischen Dubai und Bitterfeld-Wolfen zu benennen. Jetzt liegen sie auf der Hand: Ähnlich wie in der Stadt aus Sachsen-Anhalt belaufen sich auch die Bevölkerungsprognosen für die Megalopolis am Golf auf - 17% – bis Jahresende. Es scheint, als wurde hier aus einem »anything goes...« in kürzester Zeit ein »everybody goes...«: Geldelite und Führungskräfte verlassen ebenso das Land wie Arbeiter und Servicekräfte, denn Arbeitslosigkeit ist in der Retortenstadt nicht vorgesehen. Doch das mehr oder minder auf Pump gebaute Dubai verliert mit der globalen Wirtschaftskrise die notwendige Marktkraft, um bereits begonnene Wohnanlagen, Einkaufstempel, Büro- und Hotelkomplexe etc. weiterzuführen. Zurück bleiben angefangene Bauwerke, verlassene Großbaustellen und unvollendete Straßen... Vielleicht richten sich die an Stadtplanung interessierten Blicke bald wieder vermehrt auf Dubai – auch wenn dort keine künstlichen Inselgruppen mehr geschaffen werden, dafür aber »Stadtumbau am Golf« betrieben wird. (mk) Where Strangers become Neighbours Migration prägt seit jeher die Entwicklung nordamerikanischer Städte – intensiv wird es als ein zentrales Thema der Stadtentwicklung diskutiert. Was passiert mit und in einem Quartier, wenn die Zahl der Zuwanderer dort stark zunimmt? Wie reagieren die bereits Ansässigen auf den Zuzug Fremder? Auf die Konfrontation mit anderen Kulturen und Religionen, anderen Lebensweisen und unbekannten Geschichten reagieren viele mit Angst, mit Abschottung und letztendlich mit Abwehr. Doch es gibt auch Wege, wie Unbekannte zueinander finden und ein Miteinander in einem Quartier positiv gestalten können. »How did this happen? How do strangers become neighbours?« fragen Giovanni Attili and Leonie Sandercock und arbeiten die Frage im Rahmen eines Filmprojektes mit Studierenden der University of British Columbia auf. Ihren Blick richten sie dabei auf die Nachbarschaft Collingwood in Vancouver. Das Quartier war bis in die 1980er vor allem anglo-europäisch geprägt; seitdem wandern zahlreiche Migranten aus Ost-, Süd- und Südostasien, Afrika sowie Lateinamerika zu. Die Filmemacher sehen Collingwood heute als »welcoming place for everyone...«. Hat der Sprawl ein Ende? In der US-amerikanischen Stadtentwicklung deuten sich Veränderungen an. Die steigenden Energiepreise sowie die Immobilien- und Wirtschaftskrise sind zwei wesentliche Einflussgrößen der beiden letzten Jahre, die das suburbane Siedlungsmuster US-amerikanischer Stadtlandschaften verändern könnten.
Lesetipps II|2009
In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Marion Klemme (mk) und Klaus Selle (ks). Altlasten aus dem Geschäft mit einem Unbekannten Seit den neunziger Jahren werden Krankenhäuser, Schulen, Messehallen, Klärwerke und andere kommunale Einrichtungen an amerikanische Investoren verkauft. Dubiose Leasingverträge wurden unterzeichnet – teils ohne, dass eine Übersetzung vorlag, teils ohne, dass die Vertragspartner überhaupt bekannt waren. Doch die Aussicht auf das schnelle Geld war zu verlockend, als dass man hier nach alternativen Lösungen für die kommunalen Anlagen gesucht hätte. Die Gefahren des Cross-Border-Leasings wurden meist unter den Teppich gekehrt. Doch nicht zuletzt durch die Finanzkrise sind diese nun mehr als offenkundig: Was tun – mit Absicherungen über Papiere, die so gut wie unverkäuflich sind? Oder bei Verträgen mit Banken, die es nicht mehr gibt? Schwarze Schwäne und andere Überraschungen Ein bekannter Aphoristiker hat einmal gesagt, der Sinn seiner Kunst bestehe darin, die Leserinnen und Leser zum Kopfschütteln zu bringen – und das sei die Voraussetzung dafür, dass er sich lockere, der Kopf mitsamt seinen Gedanken.
Lesetipps I|2009
In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Ulrich Berding (ub), Frank Betker (fb) und Marion Klemme (mk). »Soziologie der Städte«. Jeder weiß: Städte unterscheiden sich fundamental. Und jede Stadt hat ein spezifisches Image, etwas Besonderes, das sie von anderen Städten unterscheidet. Was dieses Besondere, die „Eigenlogik“ der Städte ausmacht, untersucht Martina Löw in ihrem 2008 erschienenen Buch „Die Soziologie der Städte“. Denn, so die Ausgangsthese Martina Löws, um zu verstehen, wie und warum sich Städte auf so unterschiedliche Weise entwickeln, muss man herausfinden, was Städte voneinander unterscheidet. Dies sind beispielsweise gebaute Strukturen in den Quartieren, die den Raum für das soziale Leben bilden – Plätze können einer Stadt ein „Wir-Gefühl“ geben. Aber auch „Wissensbestände und Ausdrucksformen“ können sich in Städten zu „spezifischen Sinnprovinzen“ (S. 78) verdichten. Ebenso die Eigenlogik prägend ist, so Löw, der „Konnex“ der Städte, also die Abgrenzungen und Positionierungen zu anderen Städten (S. 97). Markt und Stadt (III) Es ist so weit, nun gibt es endlich Bilder, die die weltumspannende Finanzkrise auch für die räumlichen Disziplinen visuell greifbar machen. Mit dieser Perspektive lässt es sich erhellend im gerade erschienenen opulenten Bildband „Over“ von Alex MacLean blättern. Eine Vielzahl von Luftaufnahmen zeigen in insgesamt neun Rubriken (u.a. Stadtentwicklung und Lebensstil), wie Marktentwicklungen auf Stadt und Landschaft in den USA durchschlagen. „Die Strukturen, die wir auf diesen Bildern erkennen“, schreibt der Autor Bill McKibben in seiner Einführung, „sind der Landschaft eingeschriebene Spuren menschlicher Begierden.“ Und dazu gehört auch die Sehnsucht nach den eigenen vier Wänden, die im Suburbanen Raum greift. Die amerikanische Ökonomie habe einen über Darlehen finanzierten und „wild wuchernder Siedlungsbrei“ erzeugt, der gerade jenen Familien eine weitläufige Wohnfläche einräumt, deren „hyperindividualisierte“ Mitglieder nichts mehr miteinander zu tun haben wollen. „Raum für Zukunft“ – Neuauflage mit aktuellen Ergänzungen „Raum für Zukunft" erschien 1997 erstmals aus Anlass des 60. Geburtstags von Karl Ganser. Architekten, Stadtplaner, Raumplaner und Geographen haben das Buch seither viel genutzt: als Überblick zu Geschichte und Konzeption von Stadtplanung und als praktischen Einblick in die Stadterneuerung Nordrhein-Westfalens. Die Neuauflage wurde stark erweitert, sowohl im konzeptionellen Teil als auch bei den Fallbeispielen. Der erste Abschnitt bietet Beiträge zu historischen Entwicklungen und aktuellen Orientierungen der räumlichen Planung – ausgerichtet auf Grundlagen, Grundtendenzen und Grundüberlegungen. Des Weiteren geht es um die „Innovationsfähigkeit der Akteure“ – diesbezüglich werden u.a. die kommunale Planung, Ministerien, Lobbies und Verbände betrachtet. In den Beiträgen zum Thema „Verkehrsentwicklung“ werden Aspekte thematisiert wie die Autofixiertheit der Verkehrspolitik, die (Un)möglichkeit einer Verkehrswende oder die Rolle von Großprojekten in der Verkehrspolitik. Des Weiteren geht es um „Stadtentwicklung in Städten und Regionen Nordrhein-Westfalens“: Hier werden anhand zahlreicher Praxisbeispiele aktuelle Fragestellungen aufgegriffen. Abschließend wird unter dem Motto „Stadt- und Verkehrspolitik auf dem Prüfstand“ in einer Interviewreihe mit Karl Ganser, Christoph Zöpel, Klaus Töpfer und Hans-Jochen Vogel Bilanz gezogen – zur Stadt- und Verkehrsentwicklung in Deutschland. (mk)
Lesetipps IV|2008
In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Frank Betker (fb), Marion Klemme (mk) und Magdalena Wilczynski (mw). Markt und Stadt (II) Das regionale Umfeld einer Stadt ist wichtig für die Stadtentwicklung. Auch in den heutigen Zeiten der Globalisierung gilt das für die regionalen Wirtschaftsbeziehungen. Dabei wird eine altbekannte Tatsache zunehmend auf eine neue Begrifflichkeit gebracht: „Cluster“ ist der Schlüsselbegriff für Kooperationsbeziehungen zwischen gleichen oder auch ungleichen Partnern innerhalb einer Region – zum Nutzen aller Beteiligten und der Stadt als deren soziales und räumliches Umfeld. Geradezu musterbeispielhaft soll der Cluster-Gedanke in der neuen Hochschulerweiterung der RWTH Aachen auf dem Gelände des Westbahnhofs und des Campus-Geländes Melaten/Seffent realisiert werden, wenn dort Global Player mit Hochschulinstituten hautnah kooperieren. Relativ neu und unverbraucht ist dabei die Idee, bereits mittels städtebaulicher Planung, vorzeitig ideale räumliche Voraussetzungen für das im wissensökonomischen Sinne optimale Gedeihen der Kooperation und für das Entstehen eines hochproduktiven Wachstumspols zu schaffen. Andere Städte würden Aachen um das Problem beneiden, die neue Nachfrage und das Wachstum der Bevölkerung zu organisieren. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Cluster-Modell sich ähnlich beispielhaft entwickelt wie etwa das der Region Wolfsburg (VW) oder der Biotech-Region im Umfeld der LMU München. Anmerkung zu rosafarbenen Einkaufszentrum oder: Ist die Verursachung von Hässlichkeit strafbar? Irrungen moderner Baukunst Wie kommt es zu der heute derart disharmonisch gearteten Architektur? Gerhard Matzig sucht nach Gründen für die architektonischen „Unfälle“, die Bürgern allerorts zugemutet werden. Neben der allgemein bekannten beruflichen Identifikationskrise der Architekten weist er auf die bisher kaum wahrgenommene aber folgenschwere Professionsmisere der Bauherren. Anhand von Beispielen für mißlungene Fälle in der Baukulturproduktion bemängelt er die unzulängliche Baukunst-Bildung und das wenig fundierte Wissen der Entscheider. Aber worauf sind wiederum diese Kenntnismängel zurückzuführen? (mw) Das Ende der "Architektur mit dem Wow!-Faktor" Welche Auswirkungen hat die globale Wirtschafts- und Finanzkrise auf die „Corporate-Architecture“? Gerhard Matzig sieht Großkonzerne (zunächst die der Automobilbranche) – und auch manche Städte – ihrer architektonischen Statussymbole beraubt: angesichts des Renditeverfalls und der Krisenstimmung können sie sich der Identitätsstiftenden „ikonischen Bauten“ nicht mehr bedienen…
Lesetipps III|2008
In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Marion Klemme (mk), Claus-Christian Wiegandt (ccw) und Frank Betker (fb). Wer geht zuerst baden? Ein lehrreicher Vergleich Während die Bottroper schon ihre Badesachen packen, steht auf Sylt der Bau still. Warum geht es bei manchen Bauprojekten zügig voran und bei anderen eben nicht? Der Blick ist auf den Verlauf von Planungsprozessen zu richten: „...lange bevor der erste Bagger anrollt, entscheidet sich, wann der letzte die Baustelle wieder verlässt.“ Das Bottroper Vorhaben zeigt, wie es möglich wird, dass sich Beteiligte und Interessierte rechtzeitig mit ihren Wünschen einbringen und abstimmen können. Und: folgend kann der Bau ohne größere Reibungen realisiert werden. Auf der Sylter Baustelle tut sich hingegen nicht sehr viel: Komplizierte Akteursverquickungen und eben solche vertraglichen Konstrukte erschweren die Abwicklung. Baustopp, Verzögerungen, Entschädigungsforderungen und Firmenpleiten kennzeichnen hier den Planungsalltag – und das alles, bevor die erste Schaufel Erde überhaupt bewegt wurde. Die Baukosten steigen weiter, gleichzeitig sind neue Schadenersatzprozesse absehbar... (mk) Stromlagen – urbane Flusslandschaften gestalten Wer sich für das Planen und Bauen am Wasser interessiert, kommt zukünftig an dem voluminösen und gleichzeitig ausgesprochen ansprechend gestalteten Werk der drei jungen Autoren Christoph Hölzer, Tobias Hundt und Carolin Lüke nicht vorbei. Auf fast 600 Seiten stellen die drei Autoren nicht nur phantasievoll vielfältige Gedanken, Ideen und Skizzen zur Gestaltung des Rheinufers zwischen Bad Honnef und Leverkusen vor. Sie stellen in dem wunderschön illustrierten Buch auch 16 jüngst realisierte Projekte entlang dieses Rheinabschnitts vor und setzen diese Vorhaben über verschiedene Schlagworte geschickt in eine Beziehung zu 82 anderen Projekten aus allen Teilen Europas, die sie während ihrer zweieinhalbjährigen Arbeit als Stipendiaten der Montag-Stiftung in Bonn entdeckt haben. Das Buch lädt zu einer Reise durch Europa auf dem Wasser ein und sensibilisiert für die vielfältigen und bunten Lösungen, die in den vergangenen Jahren durch die Umnutzungen urbaner Flusslandschaften entstanden sind. (ccw) Markt und Stadt (I) Städte verdanken ihre Entstehung und Existenz ganz wesentlich den Märkten als Orten des Warentauschs und: der Geldwirtschaft. „Die Großstädte sind von jeher die Sitze der Geldwirtschaft gewesen“, schreibt Georg Simmel in seinem berühmten Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903). Das würde auch heute niemand in Zweifel ziehen. Einige Zeilen weiter schreibt er auch: „Geldwirtschaft aber und Verstandesherrschaft stehen im tiefsten Zusammenhange.“ Und daran muss mindestens seit einem Jahr zutiefst gezweifelt werden. Das weltumspannende Netz des Finanzmarktes, mit seinen Metropolen und Global Playern, ist außer Rand und Band. Unter den Begriffen Finanzmarktkrise, Immobilienkrise, Hyothekenkrise oder subprime-Krise wird diskutiert, was vom US-amerikanischen Häuslebauer ausging. Genauer: von der Finanzwirtschaft und den teils absurden Finanzinstrumenten, die sich rund um die Immobilie entwickelt haben. Was das nun mit Stadt und Stadtentwicklung zu tun hat, erschließt sich (zumal in Deutschland) nicht auf den ersten Blick (und wird deshalb in der Diskussion über Stadtentwicklung noch sträflich vernachlässigt). Die Entwertung gan-zer Straßenzüge wie in Cleveland/Ohio, wo einkommensschwache Hausbesitzer ihre Hypothekenzinsen nicht mehr zahlen konnten und der Bürgermeister die Banken verklagt, kam in Deutschland noch nicht vor, zumindest nicht als unmittelbare Folge der Finanzmarktkrise. Gleichwohl sorgen Finanzmarktmechanismen dafür, dass der Kauf großer, vor allem kommunaler (Miet-) Wohnungsbestände für internationale Finanzinvestoren (teils Hedgefonds) lukrativ ist und für deutsche Kommunen (und Länder) eine Möglichkeit darstellt, Haushalte auszugleichen. Erst allmählich zeigt sich, dass Eigentümerinteressen differieren, Straßenzüge und Nachbarschaften unter dem Blickwinkel globaler Vermarktung betrachtet werden, usw.
Lesetipps II|2008
In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Frank Betker (fb), Marion Klemme (mk) und Claus-Christian Wiegandt (ccw). Kulturelle Umbrüche, Urbanität und Öffentlichkeit in der Stadt der 1970er Jahre Die moderne Stadt des 19. und 20. Jahrhunderts ist auf vielfältige, ambivalente und widersprüchliche Weise mit Entgrenzungen und Auflösungserscheinungen konfrontiert, mit neuen Grenzziehungen und Differenzierungen, mit Revitalisierungen und immer wieder neuen Versuchen, auch sozial und kulturell zusammenzuhalten, was in einem räumlichen Kontext steht. Urbanität und Öffentlichkeit sind Schlüsselworte in den Diskursen, die sich um das Verständnis der modernen Stadt und ihrer Stadtentwicklungen bemühen. Der von der Hannoveraner Historikerin Adelheid von Saldern herausgegebene Sammelband „Stadt und Kommunikation in bundesrepublikanischen Umbruchzeiten“ leistet dazu einen Beitrag, indem er thematisch breit angelegt und multidisziplinär danach fragt, wie sich städtische Öffentlichkeiten und Urbanität gerade in Umbruchzeiten verändern und behaupten, wie gefährdet sie sind und mit welchen Impulsen sie den inneren Zusammenhalt der Stadt immer wieder auch stärken können. Im Fokus der meisten Beiträge stehen die 1970er-Jahre als „Satteldekade“ (von Saldern, S. 14), in der sich die Städte zu Orten gesellschaftlicher Konflikte und Aushandlungsprozesse, neuer kultureller Praxisformen „von unten“ sowie neuer image- und ereignisorientierter Repräsentationsstrategien „von oben“ entwickeln. Gerade in dieser Zeit kippen klassische Vorstellungen von Modernität. Die nachlassende Fähigkeit des Fordismus, Modernität in Arbeitsleben, Sozial- und Raumstruktur zu konstituieren, hat sicher dazu beigetragen. Vor allem eröffnen sich neue kulturelle Spielräume, die teils jedoch wieder eingeengt werden, weil die ökonomische Krise ab 1973/74 die lange Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs vorerst beendet und ihren Tribut fordert. Schon im Zuge der Studentenbewegung der späten 1960er-Jahre, mit Gesellschafts-, Stadt- und Stadtplanungskritik, wurden sowohl restaurative politische und kulturelle Tendenzen als auch radikal moderne Strategien des funktionalistischen Stadtumbaus gegeißelt, Veränderungen eingefordert und initiiert – die teils bis heute nachwirken. (fb) Beschleunigte Veredlung städtischer Wohnviertel Verschiedene Viertel New Yorks haben sie schon durchlebt, die gentrifizierung, und zumeist verläuft sie nach dem gleichen Muster: Ist ein Viertel durch Studenten, Künstler und andere zu buntem Leben erweckt worden, hat sich ein entsprechendes kreatives, hippes Flair entwickelt, so folgen alsbald die Luxussanierungen. Doch diese Prozesse brauchen ihre Zeit, denn „nur die Patina des Gelebten bringt Rendite“ – das wissen auch die Investoren. Bereicherung für alle werden, die Freude am Nachdenken über Planen, Entwickeln und Steuern haben Im Vergleich einer deutschen und niederländischen Fallstudie liegt ein besonderer Reiz der umfassenden Dissertation, die Sabine Müller-Herbers zum Planungsprozess zweier großer städtebaulicher Neubauprojekte am Stadtrand verfasst hat. Die beiden Vorhaben Münster-Gievenbeck Südwest und Enschede De Eschmarke aus den 1990er Jahren werden mit einem akteurzentrierten Ansatz auf die Bedeutung des Umwelt- und Freiraumschutzes bei räumlichen Planungs- und Entscheidungsprozessen untersucht. Herbers kommt es in ihrer Studie darauf an, Planungsereignisse zu rekonstruieren, Akteure und Akteurkonstellationen mit ihren spezifischen Interessen vorzustellen sowie die Erkenntnisse an den spezifischen Kontext der Fallstudien rückzubinden, um auf diese Weise Unterschiede in den Kooperationsformen der beteiligten Akteure in den beiden Planungskulturen aufzuzeigen. Es geht um die jeweils unterschiedlichen Möglichkeiten und Praktiken, Freiraumbelange in größere Siedlungserweiterungsprojekte am Stadtrand einzubringen. Die Arbeit ist durch einen entscheidungsorientierten Ansatz von Planung theoretisch fundiert, der auf den niederländischen Planungstheoretiker Andreas Faludi zurückgeht. Sabine Müller-Herbers hat sich dazu eine längere Zeit bei ihm an der Universität in Nijmegen aufgehalten. Sie stützt ihre Ergebnisse zudem auf intensive Recherchen und Interviews mit den Entscheidungsträgern in ihren Fallstudien ín Münster und Enschede. Diese Verbindung zwischen einer politikwissenschaftlichen Fundierung und einer auch eigenen außeruniversitären Berufserfahrung lassen diese Dissertation zu einer Bereicherung für alle werden, die Freude am Nachdenken über Planen, Entwickeln und Steuern haben. (ccw)
Lesetipps I|2008
In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Marion Klemme (mk), Klaus Selle (ks), Claus-Christian Wiegandt (ccw) und Lucyna Zalas (lz). E-Partizipation - Fluch oder Segen? Anhand der neusten Planungen seiner Heimatstadt berichtet der Hamburger Journalist Till Briegleb über das Instrument der „E-Partizipation“. La dolce vita in deutschen Städten - das Prinzip Cittaslow. Gerhard Waldherr hat für brandeins die Bewegung der Cittaslow porträtiert und dabei die deutschen Cittaslow besucht: Hersbruck, Waldkirch, Überlingen und Schwarzenbruck. Stadtpolitik Wenn sich die beiden großen deutschen Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel, die durch zahlreiche gemeinsame Beiträge bekannt wurden, mit Dieter Läpple, einem dritten großen Stadtsoziologen in Deutschland, zusammenschließen und gemeinsam ein neues Buch im Suhrkamp Verlag schreiben, verspricht es, interessant zu werden. So werden klassische Themen wie beispielsweise Urbanität oder öffentliche Räume, wie Schrumpfung oder Segregation, die bisher für die beiden Autoren Häußermann und Siebel standen, ergänzt um eine ausführlichere Berücksichtigung der fordistischen Stadtlandschaft sowie einer postfordistischen Renaissance der Städte. Gleichzeitig umfasst das Buch einen historischen Abriss der deutschen Stadtplanung, der deutlich werden lässt, wie der Staat in unterschiedlicher Form versucht hat, steuernd Einfluss auf die Gestaltung der Städte zu nehmen. Insofern ist der Titel „Stadtpolitik“ des Buchs ausgesprochen treffend. Da der Text vollständig neu geschrieben ist, ist er auch für Leser, die bereits mit früheren Texten der drei Autoren vertraut sind, ein großer Gewinn. (ccw) Gemeinschaften entwickeln Stadt Nein, das Thema ist nicht tot zu kriegen. Früher mal waren es die Genossenschaften und die sie tragenden Bewegungen, dann hörte man von Wohngruppen, dann vom Cohousing, von den "selbstgewählen Nachbarschaften" und nun sind es die Baugemeinschaften oder Baugruppen, die über die Fachöffentlichkeiten hinaus für Aufmerksamkeit sorgen. Gerade eben brachte Die ZEIT (Nr. 1/08)einen mehrseitigen Artikel unter dem reißerischen Titel »Die Schweine-Investoren sind wir« – anders als die Überschrift lautet war der Tenor positiv und hoffnungsfroh und lautete etwa: Ein Massenphänomen sind sie zwar nicht, diese Gruppen und Gemeinschaften, die da (es ging um Berlin) als Bauherren auftauchen und ihr Wohnungen nach der Bauphase gemeinschaftlich organisieren. Aber sie werden mehr – und sie stehen für etwas: für Rückbesinnung auf die Kraft der Gemeinschaft (»das Ganze ist mehr als die Summe der Teile«), für neue Vorstellungen von Nachbarschaft in Zeiten der Individualisierung und für neue Bauträgertypen (nicht zufällig stand der Artikel im Wirtschaftsteil des Blattes). Rest-Refugium für alternative Lebensräume oder Risikokapital? Der Köpi, eines der ersten besetzten Häuser im Osten Berlins, selbst definierter Freiraum einer bunten Bewohnerschar, wurde an eine undurchsichtige Firma verkauft. Ein Schnäppchen! Nun stehen Abriss und Wohnungsneubau auf dem Plan, soviel ist wohl klar. „Wo heute über die Zukunft der Stadt und der Stadtentwicklung gesprochen wird, bleibt nicht aus, dass auch die Notwendigkeit betont wird, das Engagement nicht-staatlicher Akteure als wesentliche Säule von Stadtentwicklung zu ermöglichen und zu etablieren.“ Genau diesem Thema widmet sich der neue Band der Planungsrundschau: Als Nr. 15 liegt vor: Hoffnungsträger Zivilgesellschaft. Governance, Nonprofits und Stadtentwicklung in den Metropolregionen der USA, herausgegeben von Uwe Altrock, Heike Hoffmann und Barbara Schönig. Berlin 2007. Das Heft ist zu beziehen über das Fachgebiet Stadtumbau/Stadterneuerung (Prof. Dr. Uwe Altrock), Universität Kassel, Fachbereich 6, Henschelstraße 2, 34109 Kassel [www.planungsrundschau.de]
Lesetipps IV|2007
In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Uwe Altrock (ua), Ulrich Berding (ub), Stefanie Föbker (sf) und Claus-Christian Wiegandt (ccw). Urban Development in Post-Reform China. State, market, and space. Die dynamische Entwicklung der Städte in China seit Beginn der Reformen Ende der 1970er Jahre fasziniert Stadtgeographen, Planer, Architekten, Soziologen und Politikwissenschaftler seit längerer Zeit. Viel ist zu der explosionsartigen Entwicklung von „Megastädten“ geschrieben worden, und vieles davon unterliegt entweder so stark der Faszination, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung auf einem eher beschreibenden Niveau bleibt, oder es werden so stark die Bezüge zu internationalen Stadttheorien hergestellt, dass die Besonderheiten der Entwicklung in den Hintergrund treten. Nicht so bei dem neuen Buch des bekannten Autorenteams, dem es gelingt, eine wahrhaft interdisziplinäre Perspektive einzunehmen und dabei die planungspolitischen Entwicklungen in China hervorragend verständlich zu machen. Der Band stellt gründlich die marktwirtschaftlichen Entwicklungen vor und beleuchtet sie unter einer Governance-Perspektive, wohl wissend, wie anders die Rolle von Staats- und Parteienherrschaft, privater und öffentlicher Unternehmen sowie einer nicht wirklich unabhängigen Zivilgesellschaft in der chinesischen Gesellschaft sind. Wer die Entwicklung in China nicht kennt, lernt sie hier schnell verstehen, wer sich mit Planungssystemen und Governance beschäftigt, begreift, auf welche Weise sich unternehmerische Stadtpolitik und staatliche Planwirtschaft in der Stadt- und Regionalentwicklung zu einem Stadtproduktionsmodus verbinden, dessen Einordnung im internationalen Vergleich von großem Erkenntniswert ist. (ua)
Der Kölner Dom ist nach einer Zuschauerbefragung im ZDF, aber auch nach Umfragen des BBR ein „Lieblingsort der Deutschen“ bzw. sogar das bekannteste historische Bauwerk in Deutschland. Dies war unter anderem eine Begründung für seine Ausweisung als UNESCO-Weltkulturerbe im Jahr 1996. Mit dem geplanten Bau von Hochhäusern im rechtsrheinischen Stadtteil Köln Deutz drohte die Aberkennung dieser Auszeichnung. Eine sehr intensiv und kontrovers geführte Debatte hat es dazu in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit gegeben. Andreas Schweitzer arbeitet diese Debatte auf, in dem er zum einen sehr intensiv Tageszeitungen und zum anderen 13 qualitative Interviews mit Schlüsselpersonen des Konflikts auswertet. Es geht ihm nicht nur um das Weltkulturerbe, sondern auch grundsätzlicher um einen Streit, inwieweit sich internationale Einrichtungen mit ihren Schutzanforderungen in die kommunale Planungshoheit einmischen. Darüber hinaus geht es um die Konfliktlinie zwischen dem Bau von neuen Hochhäusern aus immobilienwirtschaftlichen Interessen und dem Erhalt von traditionellen Bildern der Stadt aus kulturellen Interessen mit den jeweils unterschiedlichen Motiven für die jeweiligen Positionen. (sf) Am Ende des Wachstumsparadigmas? Zum Wandel von Deutungsmustern in der Stadtentwicklung. Der Fall Chemnitz. Die Autorin untersucht diskursanalytisch die verschiedenen Logiken, mit denen wichtige Akteure der Stadtpolitik mit den gravierenden Umbrüchen durch Schrumpfungsphänomene umgehen. Der Fall Chemnitz ist insofern besonders interessant, weil parallel zur Schrumpfung die Wiederbebauung der in Krieg und DDR-Zeit zerstörten und entdichteten Innenstadt mit großen Hoffnungen auf eine Wiederbelebung eines Bilds von „europäischer Stadt“ verbunden war. Hier werden die Grundlagen gelegt für eine bislang weitgehend vernachlässigte Forschungsrichtung: die Frage nach veränderten Planungspraktiken in Zeiten ohne Hoffnung auf städtisches Wachstum. Wenngleich an einigen Stellen die besonderen Umstände der Fallstudienstadt zu sehr im Mittelpunkt stehen, ist die von der Autorin vorgenommene gründliche Systematisierung von „Deutungsmustern“ und „Akteursbeziehungen“ eine gute Einführung für alle, die an den Rahmenbedingungen von Schrumpfungspolitik interessiert sind und denen es dabei nicht primär um die städtebaulich-handlungsorientierte Seite geht. (ua) In einer überarbeiteten Fassung seiner Dissertation, die an der TU Berlin geschrieben wurde, legt Simon Güntner eine gehaltvolle Untersuchung zur derzeitigen sozialen Stadtpolitik in Deutschland bzw. in Berlin als Fallstudie vor. Die Arbeit kann durch die gründliche und schlüssige Rekonstruktion aktueller Politikprozesse überzeugen. Güntner geht es im Kern darum, „Quartiersmanagement-Verfahren“ in sozial benachteiligten Stadtteilen als einen neuen Politiktyp zu identifizieren und dabei das Zusammenspiel von Problemdeutung in solchen Quartieren mit der instrumentellen Ausgestaltung einer sozialen Stadtpolitik aufzuzeigen. Dabei spielen politische Diskurse als auslösendes Moment für eine solche Politik eine wesentliche Rolle. Institutionalisierungsprozesse – so eine zentrale These der Arbeit von Güntner – sind nicht ohne bestimmte Problemdeutungen – nicht ohne das „Gepäck“ der stadtpolitischen Akteure, wie es Güntner formuliert – zu verstehen. Für alle Leser, die ein tiefer gehendes Interesse daran haben, wie Politik gemacht wird, ist diese Arbeit eine lesenswerte Lektüre. (ccw)
Auf rund 70 Seiten beschreibt der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München Christian Ude die zahlreichen Höhen und Tiefen beim Neubau des Fußballstadions in Fröttmaning. In dieser ausgesprochen lesenswerten Satire zeigt er in durchaus selbstironischer Weise, welche Akteure mit welchen Interessen zunächst den Umbau des Olympiastadions und später den Neubau der heutigen Allianz-Arena verfolgt haben. Auf weiteren zehn Seiten findet sich in dem Taschenbuch die Beschreibung eines fiktiven Architektenwettbewerbs, in der die zahlreichen Erfahrungen des Juristen und Oberbürgermeisters Christian Ude mit dem Berufsstand der Architekten, aber auch mit der Kommunalpolitik in witziger Weise beschrieben sind. Das Buch macht Spaß und bringt Themen auf den Punkt, die in der Planungswissenschaft oft sehr viel umständlicher und in trockener Sprache hergeleitet werden. (ccw) Ausverkauf des öffentlichen Raumes? „Die Zeit des öffentlichen Raumes scheint vorbei zu sein.“ Dies ist die These, der die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 2. November 2007 eine ganze Feuilleton-Seite widmet. Die Kunde vom Tod des öffentlichen Raumes ist zwar weder neu noch originell, und auch die stete Wiederholung macht sie nicht wahrer – aber dennoch sind die Beiträge von Andrian Kreye, Gerhard Matzig, Johan Schloemann und Jean-Michel Berg lesenswert. Sie beleuchten Fragen der Kommerzialisierung, Privatisierung und Festivalisierung von Stadträumen und überlassen Flaneuren und Forschern die offene Frage, was denn nun wirklich los ist im öffentlichen Raum... (ub) Lesetipps III|2007 In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Helene Hüttinger (hh), Marion Stock (ms) und Klaus Selle (ks). Polemik mit hohem Wahrheitsgehalt Wolfgang Hinte bezeichnet seinen Beitrag zur E&C-Zielgruppenkonferenz selbst als „polemische Auseinandersetzung“ mit der Diskussion und Praxis der Sozialraumorientierung. Das ist er in der Tat. Hinte hält mit seinen Einschätzungen und seiner Kritik nicht hinterm Berg und (ver-)schont dabei keinen der Akteure. Gut so, denn das Bild das er zeichnet, enthält viele Wahrheiten – wenngleich sicherlich nicht alle. Hinte beschreibt die alltäglichen Hemmnisse und die „Banalität des Innovations-Alltags“, welche die ressortübergreifende Zusammenarbeit und letztlich Sozialraumorientierung in der Verwaltung so schwer macht. "Hallo, ich bin Al Gore … Ich war mal der nächste Präsident der Vereinigten Staaten“. So fängt ein abendfüllender Film an, den es als DVD zu kaufen gibt und dessen Inhalte (und mehr) in einem gleichnamigen Buch nachzulesen sind. Die neue Lust an der überschätzten Stadt … Neue Lust – überschätzt … eine eigenartig anmutende Titelkollage, und doch schon die zentrale Botschaft: In seinem Jahrbuch 2006.2007 stellt der BDA Niedersachsen –neben vielen anderen lesenswerten Beiträgen – zwei Artikel gegeneinander (genauer: im Layout übereinander), die beides verkünden: Es gibt ein neues, bzw. wiedererwachtes Interesse an der Stadt, nicht nur von den Woopies (den „well-off-older-people“), sondern auch von Jüngeren, die die gut eingebundene Lage mit hohem Wohnwert – gibt es sie denn – dem Wohnen am Rande vorziehen. Hanno Rauterberg fasst hier einige der jüngeren Beobachtungen in Szenarien zusammen, die das Bild von der „Renaissance der Stadt“ ausmalen und fordert, dass nun Bundespolitik und Kommunen die Zeichen der Zeit erkennen und diese „neue Lust“ fördern und unterstützen sollten. Das Interact-Handbuch „... Wie gestaltete man die Governance Systeme effektiver und effizienter – im Sinne der Umsetzung von Politiken und im Sinne der demokratischen Legitimität? ...“ Weitere Informationen finden Sie im Internet unter http://www.interact-network.org.
Lesetipps II|2007
In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Marion Klemme (mk). Auf Knopfdruck Haus? ‚Nichts’ ist nicht gleich ‚nichts’ ...
Lesetipps I|2007
In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Marion Klemme (mk) und Klaus Selle (ks).
Wie ein einzelner Bürger sein Dorf retten kann? Bürgermeister werden und innovative Wege gehen! Wir schauen über den Kartenrand Deutschlands bis nach Kalabrien: Cleto - ein marodes Dorf, schrumpfende Einwohnerzahlen, baulicher Verfall. Der Bürgermeister geht einen mutigen Schritt. Nach anderen vergeblichen Versuchen „seinen“ Ort zu retten und vor dem Aussterben zu bewahren, ist er nun auf der Suche nach Sponsoren. Mehr oder weniger das komplette Allgemeingut (Schulen, Sportanlagen, Rathaus, Straßennamen) wird zur Vermarktung angeboten. Eine Gemeinde als Werbefläche - die Idee, die anfangs eher als Provokation verstanden wurde, entfaltet sich. Die ersten Investoren aus Norditalien zeigen Interesse... und die Öffentlichkeit und Fachwelt ebenso. (mk) Die Mär der Malls. Zur Debatte um „stadtverträgliche “ Shoppingmalls – ein Über- und Einblick Rahel Willhardt (freie Journalistin, Aachen) greift die aktuelle Diskussion um die „Stadtverträglichkeit“ von innerstädtischen Shoppingmalls auf. Der Leser erhält einen guten Überblick über Verlauf und Positionen der Debatte des letzten Jahres. Zudem bringen die Verweise auf empirische Studien zur (Nicht-)Verträglichkeit von Shoppingmalls erstes Licht in das Dickicht unzähliger Vermutungen über mögliche Auswirkungen und Wertigkeitsfragen dieser Form von Immobilieninvests. Städtebau und Stadtplanung: Funktion zentralisierter Macht? Dieter Hoffmann-Axthelm hat in »Planung neu Denken« Bd. 1 (S. 519) darauf aufmerksam gemacht, wie eng der Zusammenhang von Stadtplanung und autoritärer Herrschaft ist: »Planung ist eine Funktion zentralisierter Macht. Sie entstand mit den ersten Hochkulturen, und mit den Zeremonialachsen der Könige und Großkönige der Alten Welt sind uns nicht nur die ältesten, sondern auch die mächtigsten Planungsdokumente der Geschichte gegenwärtig, die im NS und in der Planungsästhetik Le Corbusiers und seiner Schüler spuken«. Hätte es dazu noch einer Illustration bedurft, so liefert sie Alexander Hosch mit seinem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Projekt von Koolhaas, Nouvel, Gerkan und anderen zum Ausgangspunkt nehmend fragt er, ob »Opportunismus…zum Wesen des Berufs« gehört und gräbt dabei auch in der Geschichte der Profession. Interessant etwa sein Hinweis, welchen Herrschern dieser Welt Corbusier sein Konzept der cité radieuse anzudienen versuchte. Das Ergebnis der Hosch’schen Überlegungen bleibt allerdings ein wenig unentschieden. Man müsse jeden Fall für sich beurteilen… Das mag für das einzelne Bauvorhaben gelten. Dass die umfassenden Stadtentwicklungsprojekte aber nur unter den Bedingungen zentralisierter Macht entstehen und umgesetzt werden können, dürfte hingegen unstrittig sein. Nicht zufällig ordnet Gerkan seine chinesischen Städtebauprojekte selbst in die Tradition europäischer Idealstädte ein. (ks) Die Herren der Schöpfung »Günter Waltz fühlte eine gewisse moralische Verpflichtung, durch sein Erscheinen im Wohnzimmerfenster zur Verschönerung des Straßenbildes beizutragen.«
Lesetipps IV|2006
In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Marion Klemme (mk), Marion Stock (ms) und Klaus Selle (ks). Menschen machen Geschichte… Geschichte prägt Menschen. Andreas Molitor: Soziale Innovation / Folge 9: Stadtplanung. Der Architekt Hardt-Waltherr Hämer… Biografien sind Schnitte durch die Geschichte an denen entlang Entwicklungen in besonders plastischer Weise deutlich gemacht werden können. Solche Art der Betrachtung, der Zugang zur Entwicklung der Stadt und der mit ihr befassten Berufe über einzelne Personen wurde bislang lediglich in der Stadtbau- und Planungsgeschichte praktiziert. Zeitgenossen und Zeitzeugen blieben dabei aber unberücksichtigt. Hier läge eine Chance: Die Generation von Städtebauern, Stadtplanern und –forschern, zu der auch Hämer gehört steht jetzt noch als Gesprächspartner zur Verfügung – für die Rekonstruktion einer sehr turbulenten Phase in der Entwicklung der Städte (und der Fachdiskussion darüber). (ks) Viel gemacht – wenig bewirkt? ...fragt Volker Lindner mit Blick auf die Steuerung des Strukturwandels in der Stadt Herten. Trotz zahlreicher Aktivitäten seitens der öffentlichen Hand im investiven, personellen oder auch kommunikativen Bereich, stehen einzelnen Erfolgen weiterhin negative Entwicklungen gegenüber. Ein Strukturwandel sei nicht wirklich sichtbar. Sicher, es hätte schlimmer kommen können. Doch bleibt zu fragen, wo und wann die Steuerungsaktivitäten der öffentlichen Akteuren auf Grenzen stoßen. Die Möglichkeiten und damit vor allem auch die Nicht-Möglichkeiten werden mit Blick auf die weiteren Akteure im Handlungsfeld der Stadtentwicklung beleuchtet. Anhand zahlreicher Praxisbeispiele aus dem Steuerungsalltag wird offensichtlich, wie das Handeln von Grundstückseigentümern, Investoren, Wohnungsbauunternehmen, Förderer und Nachbarkommunen die Stadtentwicklung prägt und wie letztendlich ein Strukturwandel von den unterschiedlichen Akteurskonstellationen, Abhängigkeiten und Interessen abhängt. (mk) „Irritation und Innovation...“ Am Beispiel des Programms "Soziale Stadt" wirft Walther die Frage auf, ob und ggf. wie die bestehenden Problembewältigungsmuster des politisch-administrative Systems verändert werden können. Er spricht hierbei von den "Bedingungen zur Selbsttransfusion". Walther beschreibt die in verschiedener Hinsicht "ambivalente Struktur" des Programms "Soziale Stadt" und macht deutlich, dass hierin einerseits Chancen für Veränderungen bzw. Lernprozesse liegen, andererseits aber auch Hemmnisse begründet sind. Hauptthese ist, dass gerade die Unschärfen und Widersprüche des Programms neue Deutungen und Wagnisse zulassen und somit Veränderung generieren können, dass diese Unschärfen und Widersprüche aber auch gleichzeitig "hochgradig irritierend" wirken (können), weil auf der Arbeitsebene neue Wege der Problembearbeitung gefunden werden sollen, die sich entgegen die bestehenden Strukturen und Beharrungstendenzen bewegen. Die "Suchbewegung eines neuen Politikansatzes" wird so auf diese Ebene abgewälzt. Es handelt sich also um mögliche gegenläufige Reaktionen auf die strukturellen Vorgaben des Programms "Soziale Stadt". Man darf gespannt sein, in welche Richtung es mittel- und langfristig geht ... (ms) Wahrnehmungs- und Akzeptanzprobleme jenseits einer „kommunikativen Steuerung“? Der Umgang mit Phänomenen und Folgen des demographischen Wandels kann von Ort zu Ort sehr unterschiedlich aussehen. Doch offensichtlich geht mancherorts die Problemperzeption immer noch an den realen Verhältnissen vorbei. Doch was passiert da genau? Und warum? In der Stadt Salzgitter wird einmal ganz gezielt untersucht, wie „Schrumpfung“ seitens der öffentlichen Akteure wahrgenommen und kommuniziert wird. Basierend auf den Ergebnissen von 33 Interviews mit Akteuren aus Politik, Verwaltung, Wohnungswirtschaft und weiteren werden Sichtweisen auf die lokalen Schrumpfungsentwicklungen dargelegt. Viele Akteure negieren das Thema, nur selten wird die Realität akzeptiert, öffentliche Auseinandersetzungen werden vermeiden. Denn: Wahrnehmung und Handeln sind weiter auf Wachstum gepolt ... (mk) Wolfram Weimer »Die Wahrheit liegt in der Mitte, sagt man. Warum eigentlich? Einsteins Wahrheiten liegen alle am Rand. Wäre Kolumbus der Meinungsmitte gefolgt, hätte er Amerika nicht entdeckt...« ...doch glaubte Kolumbus nicht einen kürzeren Seeweg nach Asien erkundet zu haben? Und verheißt die konsensuale Mitte stets einen behaglichen Ort der Ruhe? Gert Kähler Immer gleich anmutende Einkaufszentren dominieren das Stadtbild und zerstören genau das, was doch erhalten werden soll: die lebendige Stadt. »... die 1b-Lagen haben teilweise Probleme, für die man Konzepte entwickeln müsste. Aber das kostet Mühe, und die Hilfe der ECE in Form eines fertigen Stückes Innenstadt kostet den Stadtrat nicht einmal einen Anruf - sie kommt von allein. ... «
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Über die Schwierigkeit, den Bürgerprotest zu deuten
In dieser Ausgabe mit einem Lesetipp von Marion Klemme.
In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Sarah Ginski (sg) und Juliane Pegels (jp).
In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Klaus Selle (ks) und Lucyna Zalas (lz). 










UNESCO-Weltkulturerbe. Motor oder Bremse der Stadtentwicklung in Köln?
Ich baue ein Stadion und andere Heldensagen


