Konrad Hummel
Emotionen und Identifikationen der Bürgerschaft
Mit dem Wort »Wutbürger« wird in der Öffentlichkeit 2010 eine Überraschung beschrieben darüber, dass heftige Emotionen (Wut), die sich gegen die Entfremdungen im Politikgefüge richten und doch mit erwünschten Tugenden (Bürger als citoyen) verbunden werden. Diese Tugenden seien in Deutschland als individuelle öffentliche Teilhabeformen bisher »Mangelware« gewesen.
»In Deutschland fehlt der citoyen, der freie Bürger, der seine Mitte aus sich selbst schöpft, der weder der geborene Gewinner noch der geborene Verlierer ist … einfach nur Bürger« (Wolf Lotter, 2011)
Diese »Idealbürger« gehen mit Verantwortung pragmatisch um, haben ein kühles Verhältnis zum System und Staat. Sie passen weniger in ein Klassen- und Standesdenken. Unterstellt wird in Deutschland ein schnell entzündliches emotionales Verhalten, etwa beim Patriotismus und Faschismus des letzten Jahrhunderts. Mit Blick auf viele internationale Konflikte und Sezessionsbewegungen – von den Basken bis zu den US-amerikanischen Sekten – sind Zweifel erlaubt, ob diese Emotionen besonders deutsch und nationale Mentalität sind. Und stimmt eine solche Dynamik für die Stadtgesellschaften überhaupt?
In den Stadtgesellschaften ist die Erwartung an den »Übervater« Staat ohnehin geringer, die Bereitschaft und Notwendigkeit sich den eigenen Angelegenheiten pragmatisch zuzuwenden größer und das Verhältnis zu identifikationsstiftenden Symbolen keineswegs kühl.
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