Hier verweisen wir auf kürzlich erschienene Texte und Beiträge aus ganz unterschiedlichen Medien. Soweit möglich, liefern wir die entsprechenden links gleich mit; andernfalls ist die eigene Recherche gefragt.
Lesetipps IV|2011
Über die Schwierigkeit, den Bürgerprotest zu deuten
Michael Ackermann (2010): Bürger versus Staat? Der allseits beanspruchte Bürger. In: Kommune – Forum für Politik, Ökonomie, Kultur. Ausgabe 06/2010, S. 14- 17. Online unter: http://www.oeko-net.de/kommune/kommune-2010/kommune-06-10/abuergerstaat.htm, abgerufen am 09.11.2011
Die Rückkehr der Höhlenbewohner und Nomaden
Tillmann Prüfer: »Weniger Platz, bitte! Ein Plädoyer« In: ZEIT Magazin Nr. 43 vom 10.10.2011, S. 12 ff
Wie viel Platz braucht ein Mensch zum Leben? fragt Tilmann Prüfer und kommt in seinem »Plädoyer für das kleine Wohnen« zu dem Schluss, dass es nicht (mehr) sehr viel ist. Tausche man die Regalwand zu Hause gegen das unterwegs stets verfügbare E-Book, das Arbeitszimmer gegen einen Laptop und sein flächenfressendes Wohneigentum gegen die flexible Wohngemeinschaft auf Zeit, so reduziere sich der Platzbedarf enorm. Und so plädiert Prüfer gegen große, leere, unbehagliche, wenig effiziente Wohnräume und stellt im weiteren Heft Menschen dar, »die bewusst auf kleinem Raum wohnen« – die modernen »Höhlenbewohner«. Daneben stößt er auf einen anderen Menschenschlag: Wer braucht überhaupt noch eine Wohnung, wenn Funktionen wie essen und baden (...) aus den heimischen Wänden ausgelagert werden? Der moderne »Nomade« jedenfalls nicht. Ob und welches der im Heft präsentierten Wohnbeispiele verschiedener Künstler, Architekten, Designer und Fotografen nun die Lust am »kleinen Wohnen« weckt, sei jedem selbst überlassen. [Sarah Ginski]
Lesetipps III|2011
In dieser Ausgabe mit einem Lesetipp von Marion Klemme.
Über die virtuelle Welt im öffentlichen Raum
Hanno Rauterberg: Ab nach draußen! Wie ausgerechnet das Internet die Renaissance des öffentlichen Lebens befeuert. In: Die Zeit, 30. Juni 2011, S. 49
Was machen wir heute? Eine Runde Planking, Adbusting, Containern oder Parcouring? Oder doch lieber Geocaching, Outdoor-Clubbing oder Guerilla-Gardening? Wie wäre es mit einem Flash- oder Smartmob? Wem bislang noch nicht klar war, was man alles »draußen« machen kann, der findet im Beitrag von Hanno Reuterberg viele Hinweise auf aktuell beliebte Aktivitäten im öffentlichen Raum.
Anknüpfend an frühere Diskussionen zum Niedergang des öffentlichen Raumes zeigt Hanno Rauterberg, dass es trotz vorhandener Privatisierungstendenzen einen deutlichen Drang in den öffentlichen Raum gibt. Viele Aktivitäten finden ihren Ursprung oder ihren Anstoß in der virtuellen Welt: »Die virtuelle Welt ist also nicht der Feind des öffentlichen Raumes, wie lange behauptet wurde.« Vielmehr gibt es Hybridisierungstendenzen – die Grenzen zwischen Virtuellem und Realem verwischen ebenso wie die zwischen Öffentlichem und Privatem. Informations- und Kommunikationstechnologien spielen dabei eine wesentliche Rolle. (mk)
Lesetipps II|2011
In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Sarah Ginski (sg) und Juliane Pegels (jp).
Stuttgart 21 in Büchern
Nach der hohen Medienpräsenz in Presse, Funk und Fernsehen ließen auch die ersten Bücher zu Stuttgart 21 nicht lange auf sich warten. Und so erschienen die ersten schon im November 2010.
Eines der ersten S21-Bücher veröffentlichte Wolfgang Schorlau, der unter dem Titel »Stuttgart 21. Die Argumente« Beiträge von rund 30 S 21-Gegnern sammelte. In den einzelnen Artikeln werden bahntechnische, ökologische, finanzielle, denkmalschutzrelevante, stadtplanerische und architektonische Belange untersucht und kommentiert und natürlich die Alternative K21 diskutiert. Das Spektrum der Autoren reicht dabei von Journalisten wie Andreas Zielcke und Kolumnist Joe Bauer, über den Schauspieler Walter Sittler und den Kunsthistoriker Nils Büttner bis hin zu Politikern wie Peter Conradis und Boris Palmer – um nur einige der rund 30 Autoren zu nennen. Dass die Sammlung dabei keinesfalls eine ausgeglichene Abwägung der Pro- und Contraargumente enthält, sondern vielmehr ein Statement der Gegner ist, lässt sich beim Anblick des Buchcovers bereits erahnen.
Auch wenn man sich wünscht, die Argumente für den Bahnhofneubau und die damit verbundenen Chancen für die Stuttgarter Innenstadt würden nicht alle verschwiegen oder direkt widerlegt, ist eine erstaunlich vielfältige und unterhaltsame Sammlung von Daten und Informationen gelungen.
Mittlerweile gibt es eine ganze Flut von Publikationen, die sich mit Stuttgart 21 beschäftigen, so zum Beispiel der Versuch von Melanie Liebnitzky in dem Buch »Stuttgart 21 Pro und Contra: Fakten zu einem besonders umstrittenen Bauprojekt unserer Zeit« die Daten und Fakten zusammenzutragen. Dabei versucht sie sich von den gegnerischen Parteien zu lösen und die Argumente beider Parteien sachlich gegenüber zu stellen.
Wolf Reiser sucht in seinem Buch »Die ganze Wahrheit über Stuttgart 21 - Und wie es mit uns allen weitergeht« die Ursachen für die scharfe Debatte eher in der kulturellen Identität.
Der Fotoband »Der Stuttgarter Bauzaun: Phantasie des Protests« von Sybille Weitz, Ulrich Weitz, Heinke Brantsch, Ulrike Mössinger oder die Materialsammlung »Oben bleiben!!! Manifeste und Bilder des Protests« von Albrecht Götz von Olenhusen, Gerd Paulus illustrieren den ausdruckstarken wie kreativen Protest anschaulich.
Man darf also gespannt sein, welch vielfältige Folgen Stuttgart 21 noch nach sich ziehen wird und wie die Ereignisse aufgearbeitet werden. (sg)
Auf den Spuren Karl Brunners
Andrea Hofer (2010): Karl Brunner und der europäische Städtebau in Lateinamerika. TU Wien
Auch wenn man sich zunächst fragt, warum die Betrachtung des lateinamerikanischen Städtebaus ausgerechnet an das Werk Karl Brunners geknüpft wird, macht der erste Blick ins Buch deutlich, dass hier weit mehr als nur der Städtebau des Wieners betrachtet wird.
Andreas Hofer gibt einen wunderbaren Einblick in die südamerikanische Stadtbaugeschichte. Angefangen bei den kolonialen Neugründungen von Städten, über den räumlichen Ausdruck der Unabhängigkeit, die Modernisierung und den »Import von europäischen Stadtmodellen des 19. Jahrhunderts« bis hin zum funktionalen Städtebau der 1930er bis 1960er Jahre, wird das Zusammenspiel zwischen Planungsentwicklung und Anwendungspraxis deutlich. Er vollzieht das Für und Wider, das Auf und Ab der Stadtentwicklungen von Santiago de Chile, Buenos Aires, Bogotá u.a. nach, die keinesfalls geradlinig, dafür aber immer wieder im Spannungsfeld zwischen kolonialen Erbschaften, europäischen Vorbildern und lokalen Identitäten abliefen. Längst nicht jede der dargestellten Planungen wurde realisiert – ob zum Vor- oder Nachteil der jeweiligen Stadt lässt sich dabei wohl kaum sagen.
Die zahlreichen, wenn auch manchmal kleinen Abbildungen von Plänen, Skizzen, Fotos und Modellen dienen dabei der anschaulichen Illustration.
Die Auswahl deutschsprachiger Literatur, die Einblick in den lateinamerikanischen Städtebau gibt, ist eher gering. Von daher ist das umfassende Werk von Andreas Hofer eine besondere Bereicherung – insbesondere nach all den Jahren, in denen die spanischsprachige Ausgabe schon vergriffen ist, kommt der ersten deutschen Version besondere Bedeutung zu.
In jedem Fall macht das Buch Lust darauf, die Spuren Karl Brunners aufzunehmen und vor Ort, in den lateinamerikanischen Städten selber auf die Suche zu gehen: nach den uns bekannten Elementen der europäischen Stadt, gepaart mit der Gradlinigkeit des Rasters, dem Chaos des rasanten Wachstums und der temperamentvollen lateinamerikanischen Lebensart. (sg/jp)
Lesetipps I|2011
In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Klaus Selle (ks) und Lucyna Zalas (lz).
Kleine Leute, ganz groß
Slinkachu (2010) Kleine Leute in der großen Stadt. Hamburg (Hoffman & Campe)
Es gibt ein tief in unsere gemeinsame Sprachwelt eingebranntes Bild: das von der großen, großen Stadt und dem kleinen, einzelnen, verlorenen Menschen darin. Erzeugt und verfestigt wurde dieses Bild in allen Arten der Literatur – vom Groschenheft bis zu den Klassikern der Moderne. Nun hat jemand dieses Bild wieder in Bilder zurückübersetzt und dabei die Schraube von Bild und Begriff noch ein paar Umdrehungen weitergedreht. Der 32 jährige britische Streetartist Slinkachu setzt kleine, handbemalte oder –entstellte Figürchen, die man sonst aus Modelleisenbahnen kennt, in städtische Umfelder und freut sich dann (wie es in der Wikipedia heißt), »dass fast niemand meine Arbeiten sieht. Denn wir alle ignorieren absichtlich oder unabsichtlich vieles, das uns in einer Stadt umgibt«. Die Szenen, die er installiert, sind zum Teil ganz alltäglich – Kanalarbeiter stemmt sich aus Gulli, Mann mit Einkaufstüte besteigt Pkw –, können aber auch absurd oder befremdlich sein: Mann »erschießt« ohnehin schon tote Hummel (die größer ist als er selbst) und weist seine Tochter darauf hin, dass das keine Schmusetiere seien, von einer Sicherheitsnadel hingemordeter, blutüberströmter Mann liegt auf der Straße, Frau geht versunken an einer Tüte vorbei, murmelnd »eines Tages wird er mich bemerken« und so fort…
Ganz offensichtlich will der Künstler seine Werke aber doch nicht unbeachtet irgendwo im Schmutz einer Mauerecke belassen. Zu dem Zweck fotografiert er seine Werke ganz nah und mit geringer Tiefenschärfe – und nun kommen sie ganz groß heraus. Mit einem Mal verschieben sich die Maßstäbe beim Betrachter – wenn etwa eine Zigarettenschachtel haushoch die beiden Figuren überragt, die sie betreten. Solche Bilder bilden die eine Seite des kleinen Buches. Der eigentliche Clou besteht jedoch in der jeweils gegenüberliegenden Seite. Da wird die Inszenierung im »Normalmaßstab« fotografiert und verschwindet dann zentimeterklein in den jeweiligen städtischen Alltags-Umfeldern. Daraus ergeben sich sehr spannungsreiche Eindrücke, die allemal zur Relativierung gewohnter Wahrnehmungen beitragen. Manche meinen, das alles sei auf den Nenner von »Isolation und Einsamkeit in Großstädten« (so die Zeitschrift Art) zu bringen. Wer schon zu oft mit dem Stereotyp »große Stadt – kleiner Mensch« konfrontiert wurde, dürfte aber eher beim Durchblättern schmunzeln, wenn nicht hellauf lachen und die Bildersammlung eher als ironische Brechung eben dieses kulturpessimistischen Themas, vermischt mit einem guten Schuss britischen Humors, betrachten.
Und noch ein Hinweis: Wer schon vor dem Buchkauf Bilder sehen will, findet sie im Netz – zum Beispiel unter http://slinkachu.com/, http://little-people.blogspot.com/ oder: http://streetart.berlinpiraten.de/slinkachu-ein-kleines-streetart-projekt/ . (ks)
»Städte entwickeln sich nicht nach den Partituren, die Architekten ihnen komponieren.« (Angelus Eisinger in: Die Stadt der Architekten, 2006)
Sonja Lüthi: »Jenseits von Planung« – vier Vorträge über die unsichtbaren Kräfte der Stadtentwicklung
Sonja Lüthi berichtet beim Online-Magazines www.german-architects.com von einer interessanten Vortragsreihe der Kollegen und Kolleginnen der Berner Fachhochschule Architektur, Holz und Bau. Zum Thema »Jenseits von Planung« sprachen dort Stadtplanerin Ute Schneider, Direktorin KCAP Zürich, Stadtplaner Thomas Sieverts, Regionalsoziologe Harmut Häussermann und Planungshistoriker Angelus Eisinger. Fragestellungen wie: Was leistet ein Plan? Welche Rollen nehmen Planer heute ein? Mit welchen Umwälzungsprozessen haben wir es heute zu tun? Wer ist schuld an schlechten Städten und miesen Orten? wurden angesprochen.
Und wenn man schließlich doch feststellen muss: »Städte entwickeln sich nicht nach den Partituren, die Architekten ihnen komponieren.“ (Angelus Eisinger aus: Die Stadt der Architekten, 2006), ercheint der Planer immerhin als Dirigent .
Neben diesem, sind auch viele andere Artikel auf http://www.german-architects.com/emagazines/index/2 auch für Stadtplaner und Stadtentwickler einen Blick wert. (lz)
Lesetipps III|2010

In dieser Ausgabe mit einer Presseschau zu Stuttgart 21 und die Folgen von Sarah Ginski (sg), Marion Klemme (mk) und Klaus Selle (ks). Die vollständige Presseschau finden Sie hier.
Lux: Gutes Spiel, aber S21 hat sich selbst versenkt
http://de.paperblog.com/gutes-spiel-aber-s21-hat-sich-selbst-versenkt-46317/
Pünktlich zum Weihnachtsfest wurde in Stuttgart eine Geschenkidee der besonderen Art in Umlauf gebracht. In dem Internetbolg »paperbolg« zitiert der User Lux den Hersteller von Lego Oskar Fuchs: » ›Die Kleinen sollten möglichst spielerisch zur Eigenverantwortung erzogen werden. Da unser Produkt auch für 99jährige geeignet ist, kann auch Ur- Opa mitspielen und seine Erfahrungen weitergeben‹. Auf den Hinweis hin, das Spielzeug diene auch dazu, das System zu verdeutlichen, in dem verwertet und nicht gewertet wird, antwortete Fuchs, ›jeder müsse eben selbst herausfinden, auf welcher Seite der Medaille sein Platz ist - weniger das Spielzeug, sondern die Bezugspersonen und die Umwelt formen den durch die Natur veranlagten Menschen.‹ ...« (sg)
Martin Kotynek: Was für den Neubau spricht.
In: SZ vom 26.08.2010 (http://www.sueddeutsche.de/politik/umstrittenes-projekt-stuttgart-was-fuer-den-neubau-spricht-1.992408)
Dagmar Deckstein : Die Argumente der Gegner.
In: SZ vom 26.10.2010 (http://www.sueddeutsche.de/politik/umstrittenes-projekt-stuttgart-die-argumente-der-gegner-1.992426)
SWR (Hg): Pro Jahrhundertprojekt. Argumente für S21/Contra Milliardengrab. Argumente gegen S21
SWR.de vom 27.10.2010 (http://www.swr.de/nachrichten/bw/stuttgart21/-/id=6760318/61ou6v/index.html)
Kerstin Bund, Robert Leicht: »Soll der Bahnhof unter die Erde? Das Projekt Stuttgart 21 sei eine gute Investition, glaubt Robert Leicht. Pure Geldverschwendung, erwidert Kerstin Bund. Ein Pro und Contra.«
In: DIE ZEIT vom 21.08.2010 (http://www.zeit.de/2010/34/Stuttgart-21-Pro)
Stuttgarter Zeitung (Hg): Die zehn wichtigsten Streitpunkte.
In: Stuttgarter Zeitung am 25.09.2010 (http://www.stuttgarter-zeitung.de/media_fast/1203/Sonderbeilage%20Stuttgart%2021%20StZ.pdf)
Die Standpunkte in der Diskussion um Stuttgart 21 sind verfestigt und eine ernsthafte Konfliktlösung scheint in weiter Ferne. Doch wie kommt es zu solch starren Standpunkten, die an regelrechte Glaubenssätze grenzen? Wie kann es sein, dass beide Seiten so vehement behaupten »Recht zu haben« – juristisch, wie sachlich und moralisch? Beide Seiten argumentieren gleichermaßen polemisch wie diplomatisch, sachlich wie emotional, bringen dabei durchaus Glaubwürdiges vor und spicken es mit scheinbar unanfechtbaren Fakten. Und dennoch bleibt die Frage offen: Wer hat hier eigentlich Recht? Die Medien gehen der Frage nach dem »Recht« derzeit immer wieder durch eine Gegenüberstellung von Pro- und Contraargumenten nach. In der Schlichtungsdebatte, die Heiner Geißler übernommen hat, plädierte er ebenfalls dafür, die Fakten zusammenzutragen. Dies soll im Folgenden anhand einiger in der Presse diskutierten Argumente für unterschiedliche Themenfelder geschehen. Welches sind die strittgen Themen, Argumente und Gegenargumente? Doch dient das der Meinungsbildung oder gar der Schlichtung? ... (sg) weiterlesen
Stefan Dietrich (2010): Bürgerbeteiligung: Lebendige Demokratie.
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.10.2010 (http://www.faz.net/s/Rub0F6C1ACA6E6643119477C00AAEDD6BD6/Tpl~Ecommon~SThemenseite.html)
»Eine Demokratie muss von Zeit zu Zeit ihre Werkzeuge der Willensbildung erneuern. Das ist seit einer Weile nicht mehr geschehen«, so lautet die Kernbotschaft dieses Leitartikel der FAZ. Eingangs wundert sich der Autor, dass »es in einer Provinzmetropole, die nur so strotzt von wirtschaftlicher Kraft, zu einem solchen Bürgeraufstand kommen«. Dietrich erklärt dies zunächst damit, dass sich bei diesem Konflikt beide Seiten in höherem Maße als bei anderen Projekten »im Recht« sehen. Der Versuch, entstandene Konflikte nun durch »nachholende Kommunikation« zu mindern, sei aber nicht nur aus dem Grunde verfehlt. Vielmehr gehe es hier um ein angemessenes Verständnis von »lebendiger Demokratie«. Die sei »selbst eine Dauerbaustelle. Von Zeit zu Zeit muss sie nicht ihre Fundamente, aber ihre Werkzeuge der Willensbildung erneuern. Das ist seit einer Weile nicht mehr geschehen. Immerhin sind einige Jahrzehnte seit Willy Brandts „Mehr- Demokratie-wagen“-Welle ins Land gegangen. Damals wurde dem Obrigkeitsstaat in der Stadtplanung, im Naturschutz und bei Großvorhaben mehr Rücksicht auf unmittelbar betroffene Bürger verordnet. Doch was ist daraus geworden?« ...(ks) weiterlesen
Thomas Assheuer (2010): Wir haben die Nase voll.
In: Die ZEIT Nr. 42/2010 vom 14.10. 2010 S. 50 f. (http://www.zeit.de/2010/42/Modernisierungsprotest)
Sebastian Beck (2010): Völlig aus der Spur.
In: SZ vom 24.09.2010 (http://www.sueddeutsche.de/politik/protest-gegen-stuttgart-voellig-aus-der-spur-1.1004517)
Die Turbulenzen um Stuttgart 21 wirken politisch weit über die Stadtgrenzen hinaus. Sebastian Beck thematisiert mit seinem Beitrag in der SZ die Auswirkungen auf die politischen Verhältnisse in Baden-Württemberg. Die Landtagswahlen stehen vor der Tür und der Union droht ein Wahldesaster. Ein Sieg der CDU? »...ein solcher Wahlausgang (zählt) zu den eher unwahrscheinlichen Szenarien«. Und weiter stellt Beck fest: »Der Streit um den Bahnhofsbau hat die festgefügte Welt in Baden-Württemberg aus den Angeln gehoben. Bis vor ein paar Monaten noch stritten sich die Parteien um die Zukunft der Schulen auf dem Land. Diese und alle anderen Debatten sind im Getöse um Stuttgart 21 untergegangen, ein Projekt, das für Gegner wie Befürworter zum Symbol geworden ist« und für die Frage um »die Zukunftsfähigkeit des Landes« steht. ...(mk) weiterlesen
Burkhard Hirsch: Das Ende der Zuschauerdemokratie
In: Süddeutsche Zeitung v. 31. Oktober 2010 (http://www.sueddeutsche.de/politik/die-konsequenzen-aus-stuttgart-das-ende-der-zuschauerdemokratie-1.1017997)
Wer Burkhard Hirsch als Alt-Liberalen bezeichnet meint das lobend. Denn er steht für eine FDP, die sich von der heutigen gerade in ihrer Prinzipienfestigkeit bei Fragen der gelebten Demokratie deutlich unterscheidet. In diesem Sinne ist auch sein Zwischenruf in der Süddeutschen Zeitung zu verstehen, dessen Untertitel bereits die Kernaussage enthält: »Behörden planen und stellen fest, Bürger regen an oder wenden ein – diese Rollenverteilung hat keine Zukunft mehr«. Mit der Wortwahl stellt Hirsch Bezüge zu Gesetzestexten her (z.B. Planfeststellung, Möglichkeiten, Anregungen zu formulieren - wie sie etwa im BauGB eröffnet werden), um gleich eingangs deutlich zu machen, dass diese »filigran, mit größter Akribie und mit der sprichwörtlichen Sorgfalt von Uhrmachern« erarbeiteten, komplexen Rechtsgrundlagen, diese »von bewunderungswürdigem ministerialen Formulierungsreichtum, von Wissen strotzende Kunstwerke« durchaus sinnvoll und notwendig seien – aber keinesfalls ausreichen: »Aber die Legalität befreit nicht von den Geboten der politischen Klugheit. ...(ks) weiterlesen
Heribert Prantl: Geißler 21
In: Süddeutsche Zeitung v. 1. Dezember 2010 (http://www.sueddeutsche.de/politik/stuttgart-schlichtungsspruch-geissler-ein-projekt-mit-zukunft-1.1030456)
Nach dem Schlichterspruch sind durchaus nicht alle zufrieden. Und es wird aller Voraussicht nach mindestens noch bis zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg Aufruhr am und um den Bahnhof in Stuttgart geben. Aber einig scheint man sich doch in einem Punkt zu sein: Mit der (lokalen) Demokratioe kann es nicht so weiter gehen wie bisher. Das jedenfalls macht der Blick in die Presse – von links nach rechts – deutlich. Auch Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung sieht das so. Seine Folgerung: »Die Schlichtung war ein Experiment, bei dem Vertreter der internetgestärkten Zivilgesesellschaft mit Vertretern der repräsentativen Demokratie am Tisch saßen. Aus dem Experiment ist nun ein Vorbild geworden: Politiker werden künftig mit ihren Bürgern anders umgehen müssen. Demokratie bedeutet: Die Beachtung und Achtung des Bürgers, auch dann, wenn nicht gerade Wahlen anstehen. Demokratie ist nämlich mehr als eine Kiste (die bezeichnenderweise, wie auf dem Friedhof ›Urne‹ genannt wird) – und in die der Bürger alle paar Jahre seine Stimme wirft. Politiker müssen lernen, die Unruhe der Bürger als produktive Unruhe zu betrachten. (ks)
Martin Kaul: Vom Bürgerprotest zum Bürgerhaushalt
In: die tageszeitung vom 1.12.2010 (http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/vom-buergerprotest-zum-buergerhaushalt/)
Nur um zu verdeutlichen, wie einig man sich auf allen Enden des politischen Spektrums zu sein scheint, hir noch ein Satz aus der ›tageszeitung‹ (die gleich ein konkretes Mittel zur Intensivierung lokaler Teilhabe – den Bürgerhaushalt – ins Spiel bringt, was angesichts der strukturellen Defizite kommunaler Finanzen doch ausführlicher Diskussion bedürfte): »Denn aus dem Stuttgarter Konflikt zu lernen heißt: Nicht nur bei der weiteren Gestaltung der Stuttgarter Innenstadt, sondern auch in anderen Haushaltsfragen ihrer Kommunen müssen Bürger künftig aktiver, umfassender und frühzeitiger eingebunden werden. Ser sich dieser Idee nun annimmt, kann ein echtes Innovationsprodukt entwickeln: die Demokratie-Erneuerung in unseren Kommunen«. (ks)
Lesetipps II|2010

In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Marion Klemme (mk).
»Lässt sich Wandel gestalten?«
Kora Kristof (2010): Wege zum Wandel.
Wie wir gesellschaftliche Veränderungen erfolgreicher gestalten können. München
Veränderungen in der Stadt...sie geschehen fortwährend und an vielen Orten. Manche sehnen wir herbei: wir wünschen uns mehr Grün in der Stadt, weniger Verkehr auf unseren Straßen oder angenehmere Verweilmöglichkeiten im öffentlichen Raum. Andere scheuen wir, so meiden wir Baustellen oder rümpfen bei dem einen oder anderen Großprojekt die Nase. Und vor wieder anderen Veränderungen graut es uns regelrecht, wie zum Beispiel der Verödung von Innenstädten, gesundheitsschädlichen Feinstaubbelastungen oder der Vereinsamung einzelner Menschen.
Über all diesen Entwicklungen schwebt der Wunsch von Planern, Gestaltern und Machern in der Stadt, selber und aktiv nachhaltige Vorhaben auf den Weg zu bringen, Entwicklungen in positive Bahnen zu lenken, Einfluss zu nehmen und mitzugestalten. Kora Kristof gibt in ihrem Buch »Wege zum Wandel« nützliche Hinweise, »wie wir gesellschaftliche Veränderungen erfolgreicher gestalten können« – so der Untertitel des Buches. Dabei fragt sie u.a.: »Was sind gute Ideen? Wer spielt dabei eine Rolle? Warum ist Zeit wichtig?« und gibt Denkanstöße für eine Auseinandersetzung mit Wegen zum Wandel. (mk)
Lesetipps I|2010

In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Gisela Schmitt (gs) und Marion Klemme (mk).
»Ich bin eine Stadtmaus (...) und brauche kein Grün um mich herum«
Lisa Küchel (2010): Urbanes Wohnen in Frankreich. Entwicklung und Tendenzen des französischen Stadtwohnens im Eigentum am Beispiel von Paris, Nantes und Evry
Die Debatte um die Renaissance der Stadt und die wachsende Attraktivität des städtischen Wohnens impliziert stets auch die Suche nach zeitgemäßen, urbanen Haus- und Wohnungstypen in der Tradition des bürgerlichen Stadtwohnens. In ihrer Dissertation richtet Lisa Küchel den Blick nach Frankreich und behandelt das Thema des urbanen Wohnens im Eigentum anhand von sieben Fallstudien aus verschiedenen Epochen.
Die Arbeit zeigt in einem historischen Überblick die Entwicklung des Stadtwohnens in Frankreich als kontinuierliche Linie vom Pariser Stadtumbau unter Haussmann bis zum heutigen Konversionsprojekt auf der Loire-Insel in Nantes. Das Wohnen in der Innenstadt besitzt in Frankreich und vor allem in Paris eine lange und – anders als in Deutschland – nie unterbrochene Tradition, die als permanente Fortentwicklung städtischer Wohnformen und -typologien von der Autorin dargestellt wird.
Die systematische Einordnung und Aufarbeitung der Fallbeispiele fördert historische, aber auch wohnkulturelle Unterschiede zutage, die mit vielfältigen Anregungen auch die Diskussion hierzulande beflügeln können. (gs)
»Die stillen Herrscher der Stadt: Die Villen von Radebeul«
Jana Simon (2009): Über den Dächern von Radebeul In : ZEIT Magazin, Nr. 51, 40-44
Die Villen von Radebeul sind nicht nur das Gesprächsthema Nr. 1 in der Kleinstadt im Elbetal, sie sind auch das „Gesicht der Stadt“. Oder wäre es treffender von einer Gesichtshälfte zu sprechen? Denn im „sächsischen Nizza“, auch „Insel der Glückseligen“ genannt, gibt es eben auch noch eine andere Seite: Ärmere Menschen, die in nicht ganz so schönen Häusern leben. Neue, vermögende Villenbesitzer kommen meist nicht aus Radebeul selbst, sondern ziehen zu. Alt Eingesessene werden dabei teils verdrängt - und „verdrängen“ ist sicher noch milde ausgedrückt, wenn man sich vergegenwärtigt, mit welchen Mitteln dabei teilweise vorgegangen wird. Jana Simon skizziert im ZEIT Magazin anschaulich verschiedene, teils gegensätzliche Facetten des Lebens in Radebeul: „Die Villen sind die Währung der Stadt. Wer kein Haus hat, kann auch nicht richtig mitreden.“ (mk)
Lesetipps III|2009

In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Antje Havemann (ah), Marion Klemme (mk) und Claus-Christian Wiegandt (ccw).
Das Ende der Helden oder: Macher im Claire-Obscure
Gehard Matzig »Götterdämmerung«. In: Süddeutsche Zeitung vom 1. Juli 2009
Gerhard Matzig bricht in seinem Artikel eine Lanze für die Stadtplanung. Nicht ohne – da ist er ganz der Feuilletonist mit spitzer polemischer Feder – »das Elend einer Disziplin« auch ihr selbst anzukreiden. Vom Bilderdefizit ist die Rede, von zu vielen gescheiterten großkopferten Stadtvisionen und der Erkenntnis, dass es angesichts der global immer weiter wachsenden Agglomerationen für »das Leben in den hochverdichteten Citys […] keine gültigen Blaupausen« mehr gibt. Während die gegenwärtigen Probleme in den Städten die Stadtplanung als führende Disziplin zu ihrer Lösung geradezu einzufordern scheinen, seien es aber »erstaunlicherweise« die Architekten, »die mit großen Gesten die wenigen Stadtdiskussionen der Gegenwart dominieren.« Ein Umstand, den Gerhard Matzig, wie zu erahnen ist, für die Sache keineswegs förderlich findet.
Um es kurz zu machen: Die Stadtplanung kennt keine Visionen, keine großen Würfe, keine Utopien, keinen Hype oder Starkult und schon gar keine einfachen Lösungen (mehr). Das ist »unsexy« und unpopulär, irgendwie kompliziert, nicht griffig und auch nicht gut zu vermarkten. Wie derzeit die Disziplin Stadtplanung. Nichtsdestotrotz bleibt viel zu tun: Viel Arbeit und viel Verantwortung beim Ordnen des städtischen Molochs und kein Ruhm – dabei wäre letzterer doch das Einzige, was dem Helden bliebe. Apropos. Einen Lichtblick gibt es doch. Auf Hamlet folgt Horatio – nach dem Tod des großen, emotionalen, einsamen Helden folgt – die Vernunft. (ah)
Traumstadt oder Traumastadt?
»Goodbye, Dubai« von Guido Mingels. In: ZEIT Magazin, vom 25.06.2009, 11-17
Noch vor kurzem wäre es einem schwer gefallen, Gemeinsamkeiten zwischen Dubai und Bitterfeld-Wolfen zu benennen. Jetzt liegen sie auf der Hand: Ähnlich wie in der Stadt aus Sachsen-Anhalt belaufen sich auch die Bevölkerungsprognosen für die Megalopolis am Golf auf - 17% – bis Jahresende. Es scheint, als wurde hier aus einem »anything goes...« in kürzester Zeit ein »everybody goes...«: Geldelite und Führungskräfte verlassen ebenso das Land wie Arbeiter und Servicekräfte, denn Arbeitslosigkeit ist in der Retortenstadt nicht vorgesehen. Doch das mehr oder minder auf Pump gebaute Dubai verliert mit der globalen Wirtschaftskrise die notwendige Marktkraft, um bereits begonnene Wohnanlagen, Einkaufstempel, Büro- und Hotelkomplexe etc. weiterzuführen. Zurück bleiben angefangene Bauwerke, verlassene Großbaustellen und unvollendete Straßen... Vielleicht richten sich die an Stadtplanung interessierten Blicke bald wieder vermehrt auf Dubai – auch wenn dort keine künstlichen Inselgruppen mehr geschaffen werden, dafür aber »Stadtumbau am Golf« betrieben wird. (mk)
Where Strangers become Neighbours
Ein Dokumentarfilm von Giovanni Attili und Leonie Sandercock
Buch und DVD bei Springer 2009 (ISBN 978-1-4020-9034-9)
Migration prägt seit jeher die Entwicklung nordamerikanischer Städte – intensiv wird es als ein zentrales Thema der Stadtentwicklung diskutiert. Was passiert mit und in einem Quartier, wenn die Zahl der Zuwanderer dort stark zunimmt? Wie reagieren die bereits Ansässigen auf den Zuzug Fremder? Auf die Konfrontation mit anderen Kulturen und Religionen, anderen Lebensweisen und unbekannten Geschichten reagieren viele mit Angst, mit Abschottung und letztendlich mit Abwehr. Doch es gibt auch Wege, wie Unbekannte zueinander finden und ein Miteinander in einem Quartier positiv gestalten können. »How did this happen? How do strangers become neighbours?« fragen Giovanni Attili and Leonie Sandercock und arbeiten die Frage im Rahmen eines Filmprojektes mit Studierenden der University of British Columbia auf. Ihren Blick richten sie dabei auf die Nachbarschaft Collingwood in Vancouver. Das Quartier war bis in die 1980er vor allem anglo-europäisch geprägt; seitdem wandern zahlreiche Migranten aus Ost-, Süd- und Südostasien, Afrika sowie Lateinamerika zu. Die Filmemacher sehen Collingwood heute als »welcoming place for everyone...«.
Sandercock und Attili zeigen mit Buch und Film eindrucksvoll, dass Filme machen und digitales ethnographisches Arbeiten einen guten Zugang zu komplexen sozialen Prozessen ermöglichen.
Einen ersten Einblick in den professionell produzierten und sehenswerten Film liefert der Trailer (hier), weitere Informationen unter http://www.springer.com/geography/human+geography/book/978-1-4020-9034-9.
(mk)
Hat der Sprawl ein Ende?
Harlander, Tilman und Dirk Schubert (Hrsg.): Suburbanisierung und Reurbanisierung. Wohnungsbau und Immobilienkrise in den USA. In: Die alte Stadt, 36. Jahrgang, Heft 2, 2009, S. 171-311
In der US-amerikanischen Stadtentwicklung deuten sich Veränderungen an. Die steigenden Energiepreise sowie die Immobilien- und Wirtschaftskrise sind zwei wesentliche Einflussgrößen der beiden letzten Jahre, die das suburbane Siedlungsmuster US-amerikanischer Stadtlandschaften verändern könnten.
Im jüngsten Themenheft der Zeitschrift »Die alte Stadt« (Heft 2/2009) haben Tilman HARLANDER und Dirk SCHUBERT acht Beiträge zur Stadtentwicklung in den USA zusammengeführt, von denen sich einige mit diesen aktuellen Trends der US-amerikanischen Stadtentwicklung auseinandersetzen. Dazu gehört der sehr lesenswerte und einführende Beitrag von Tilman HARLANDER, der zum einen eine Typisierung jüngerer Siedlungsformen an den wachsenden Stadträndern des »Sunbelts« vornimmt und zum anderen auf die hohe Zahl der Zwangsversteigerungen gerade in diesen Räumen in der Folge der Immobilienkrise hinweist. HARLANDER hält damit einen historischen Wendepunkt des suburbanen Raums für möglich. Auch die beiden abschließenden Beiträge des Themenhefts gehen auf die Folgen der Immobilienkrise in den USA ein. So erläutern Katrin ANNACKER und James CARR die komplizierten Mechanismen der Hypothekenvergabe in den USA, die zur Krise geführt und einschneidende Folgen für die Hausbesitzer haben, die von einer gerichtlichen Zwangsvollstreckung betroffen sind. Harald BODENSCHATZ berichtet vom jüngsten Kongress des New Urbanism in Austin und zitiert dabei den Bürgermeister dieser boomenden texanischen Stadt, der sich gegen einen weiteren Sprawl und für eine Kurskorrektur im Sinne des New Urbanism auch vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise für seine Stadt ausspricht. Einen besonderen Fall einer aktuellen innerstädtischen Entwicklung in den USA stellen schließlich Johann JESSEN und Heike MAYER dar. Sie zeigen für Portland, Oregon, dass eine positive Wohnentwicklung in dieser US-amerikanischen Downtown auch auf eine Stadtpolitik mit einer mustergültigen Stadtplanung zurückzuführen ist.
Wie in einer Zeitschrift mit dem Titel »Die alte Stadt« zu erwarten, gibt es in dem Heft auch Beiträge, die einen eher historischen Blickwinkel einnehmen. John STUART beschreibt so ein Projekt des sozialen Wohnungsbaus aus den 1930er Jahren in Miami, Dirk SCHUBERT führt in die Gartenstadt »Greenbelt« in der Nähe von Washington D.C. ein, die ebenfalls aus den 1930er Jahren stammt, Rüdiger KIRSCH stellt die Levittown auf Long Island/New York aus den frühen 1950er Jahren als einen »Klassiker« der suburbanen Raumentwicklung vor, und Deni RUGGERI zeichnet die Planungsgeschichte der neuen Stadt Irvine im Orange County nach.
Passend sind schließlich auch die drei Besprechungen am Ende des gelungenen Themenhefts: eine Rezension zum Roman »Die Frauen« von T.C. BOYLE, in dem es um den Stararchitekten Frank Lloyd WRIGHT und seine Beziehungen zu Frauen geht, ein Hinweis auf den Spielfilm »Gran Torino«, der in den sich wandelnden Suburbs der US-amerikanischen Städte spielt, und eine Besprechung einer Fotodokumentation über die Herausbildung der Stadt Las Vegas in der Mojave Wüste von Nicole HUBER und Ralph STERN.
Allen, die an der US-amerikanischen Stadtentwicklung interessiert sind, sei dieses Themenheft empfohlen! (ccw)
Lesetipps II|2009

In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Marion Klemme (mk) und Klaus Selle (ks).
Altlasten aus dem Geschäft mit einem Unbekannten
Roland Kirbach „Für dumm verkauft“ In: Die Zeit vom 12. März 2009, 17ff
Seit den neunziger Jahren werden Krankenhäuser, Schulen, Messehallen, Klärwerke und andere kommunale Einrichtungen an amerikanische Investoren verkauft. Dubiose Leasingverträge wurden unterzeichnet – teils ohne, dass eine Übersetzung vorlag, teils ohne, dass die Vertragspartner überhaupt bekannt waren. Doch die Aussicht auf das schnelle Geld war zu verlockend, als dass man hier nach alternativen Lösungen für die kommunalen Anlagen gesucht hätte. Die Gefahren des Cross-Border-Leasings wurden meist unter den Teppich gekehrt. Doch nicht zuletzt durch die Finanzkrise sind diese nun mehr als offenkundig: Was tun – mit Absicherungen über Papiere, die so gut wie unverkäuflich sind? Oder bei Verträgen mit Banken, die es nicht mehr gibt?
Roland Kirbach legt anschaulich dar, dass eine mögliche Rückabwicklung der Geschäfte teuer ist: Verrechnet man die Ausstiegskosten mit den erhofften finanziellen Vorteilen, so zeichnet sich deutlich ein finanzielles Desaster für die Kommunen ab. Kirbach kommt zu dem Schluss, dass die Entscheider als Demokraten versagt haben. Beispiele für diese Steuerungsdefizite gibt es in Deutschland zuhauf. (mk)
Schwarze Schwäne und andere Überraschungen
Nassim Nicholas Taleb: Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. München [Hanser] 2008
Ein bekannter Aphoristiker hat einmal gesagt, der Sinn seiner Kunst bestehe darin, die Leserinnen und Leser zum Kopfschütteln zu bringen – und das sei die Voraussetzung dafür, dass er sich lockere, der Kopf mitsamt seinen Gedanken.
Wer auf Lockerungsübungen dieser Art aus ist, findet in dem hier anzuzeigenden Buch reichlich Gelegenheit, den Kopf zu schütteln – mal ungläubig, mal überrascht, mal voller Widerspruchswillen. Kostproben gefällig?
• »Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene«.
• »Ist es nicht erstaunlich, dass ein Ereignis gerade deswegen eintreten kann, weil niemand davon ausgeht, dass es passieren könnte.«
• »Wir verhalten uns so, als könnten wir geschichtliche Ereignisse vorhersagen oder, was noch schlimmer ist, als könnten wir den Lauf der Geschichte ändern«.
• »Die Summe unserer Fehler bei der Vorhersage politischer und wirtschaftlicher Ereignisse ist so gigantisch, dass ich mich beim Blick darauf immer kneifen muss, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume«.
• »Wenn wir uns auf das Antiwissen konzentrieren, auf das, was wir nicht wissen, können wir wirklich viel tun«.
Die Zitate machen schon deutlich: Es geht im Wesentlichen um Unvorhersehbarkeit genauer: um »Unbekannte Unbekannte«, um das Auftreten der Schwarzen Schwäne – und den gesellschaftlichen Umgang mit Phänomen dieser Art. Der Bezug zu »Planung« ist damit – im Sinne einer allgemeinen Planungstheorie, die die individuelle oder gesellschaftliche Vorbereitung auf späteres Handeln thematisiert – evident. Zugleich aber gibt es einen weiteren, brisanten Bezug: Der Autor wählt – unter den vielen Beispielen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, die er immer wieder heranzieht – mehrfach auch die Finanzmärkte als Beispiel dafür, dass uns so genannte Experten glauben machen, die Entwicklung dieser Märkte sei zumindest in Modellen abzuschätzen, während sie doch in Wahrheit in besonderer Weise für das Auftreten nicht vorhersehbarer Extremereignisse anfällig seien. Das Bemerkenswerte daran: Das Buch erschien im Original 2007.
Das alles ist vergnüglich und kurzweilig zu lesen. Der Autor weiß auf dem – leider in der Art nur im angelsächsischen Raum zu hörenden – Klavier populärwissenschaftlicher Literatur perfekt zu spielen. Überschriften wie »Spekulanten und Prostituierte«, »Das nie versagende Glück des Giacomo Casanova«, »Von Mediokristan nach Extremistan und wieder zurück« signalisieren das. Er verknüpft Alltagserfahrungen und Lebensweisheiten (etwa, warum es sinnvoll ist, nicht hinter Zügen herzulaufen) mit Biografien wie der von Yevgenia Krasnova, die er einige Seiten später als »(offiziell) erfundene Person« enttarnt – was den Erklärungswert des Beispiels nicht schmälert.
Bemerkenswert an der Geschichte von Yevgenia ist nicht nur das Auftreten eines Schwarzen Schwans in Gestalt des nicht vorhersehbaren Erfolgs ihres Buches, sondern auch die mit diesem Werk initiierte Erkenntnis, dass die »Unterscheidung zwischen Romanliteratur und Sachbüchern archaisch« und das Einstreuen »autobiografischer Szenen in Forschungsberichte« durchaus legitim sei. An beidem versucht sich der Autor. Das führt ganz gelegentlich zum süßlichen Geruch der Selbstbeweihräucherung, schmälert das Lesevergnügen aber in keiner Weise. Dass es hier trotz allem auch um Wissenschaft geht machen Anmerkungen, ein kundiges Glossar und ein beeindruckend umfassendes Literaturverzeichnis deutlich. Und, last but not least, das Buch ist auch qualitätvoll hergestellt und macht – bis zum Detail des Schwanes am Kapitelschluss – seiner Gattung Ehre. Ein weiterer Anlass zum Kopfschütteln und sich zu fragen, warum das Vorkommen solcher Bücher in der hiesigen Wissenschaftswelt fast so unwahrscheinlich ist wie das Auftreten der Schwarzen Schwäne. (ks)
Lesetipps I|2009

In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Ulrich Berding (ub), Frank Betker (fb) und Marion Klemme (mk).
»Soziologie der Städte«.
Martina Löw: Soziologie der Städte, Frankfurt/M. 2008
Jeder weiß: Städte unterscheiden sich fundamental. Und jede Stadt hat ein spezifisches Image, etwas Besonderes, das sie von anderen Städten unterscheidet. Was dieses Besondere, die „Eigenlogik“ der Städte ausmacht, untersucht Martina Löw in ihrem 2008 erschienenen Buch „Die Soziologie der Städte“. Denn, so die Ausgangsthese Martina Löws, um zu verstehen, wie und warum sich Städte auf so unterschiedliche Weise entwickeln, muss man herausfinden, was Städte voneinander unterscheidet. Dies sind beispielsweise gebaute Strukturen in den Quartieren, die den Raum für das soziale Leben bilden – Plätze können einer Stadt ein „Wir-Gefühl“ geben. Aber auch „Wissensbestände und Ausdrucksformen“ können sich in Städten zu „spezifischen Sinnprovinzen“ (S. 78) verdichten. Ebenso die Eigenlogik prägend ist, so Löw, der „Konnex“ der Städte, also die Abgrenzungen und Positionierungen zu anderen Städten (S. 97).
Das Verständnis der spezifischen Eigenlogik der Städte kann helfen zu verstehen, warum beispielsweise „Integration hier besser gelingt als dort“ (S. 114). An den Beispielstädten Berlin („arm, aber sexy“) und München (von der „Weltstadt mit Herz“ zu „München mag Dich“) verdeutlicht Löw die Unterschiede zwischen den vom Stadtmarketing erzeugten Image und der Eigenlogik der Städte.
Martina Löws „Soziologie der Städte“ liest sich bisweilen zwar etwas trocken – vor allem wegen der sehr differenzierten terminologischen Klärungen –, Löw macht ihre Thesen aber an Hand illustrierender Fotos und durch die Betrachtung der Beispielstädte nachvollziehbar. Weil sich die Autorin am Ende mit konkreten Aussagen und Anwendungsvorschlägen ihrer Untersuchungen zurück hält, regt sie den Leser zu eigenen Studien, Beobachtungen und Stadterfahrungen an. (ub)
Markt und Stadt (III)
Alex MacLean: Over. Der American Way of Life oder Das Ende der Landschaft, München 2008
Es ist so weit, nun gibt es endlich Bilder, die die weltumspannende Finanzkrise auch für die räumlichen Disziplinen visuell greifbar machen. Mit dieser Perspektive lässt es sich erhellend im gerade erschienenen opulenten Bildband „Over“ von Alex MacLean blättern. Eine Vielzahl von Luftaufnahmen zeigen in insgesamt neun Rubriken (u.a. Stadtentwicklung und Lebensstil), wie Marktentwicklungen auf Stadt und Landschaft in den USA durchschlagen. „Die Strukturen, die wir auf diesen Bildern erkennen“, schreibt der Autor Bill McKibben in seiner Einführung, „sind der Landschaft eingeschriebene Spuren menschlicher Begierden.“ Und dazu gehört auch die Sehnsucht nach den eigenen vier Wänden, die im Suburbanen Raum greift. Die amerikanische Ökonomie habe einen über Darlehen finanzierten und „wild wuchernder Siedlungsbrei“ erzeugt, der gerade jenen Familien eine weitläufige Wohnfläche einräumt, deren „hyperindividualisierte“ Mitglieder nichts mehr miteinander zu tun haben wollen.
Der Band macht deutlich, dass sich die klassischen Standortfaktoren im Verlauf der letzten etwa 60 Jahre allmählich verflüchtigt haben. Die Gesetze des Immobilienmarktes gewinnen eine zunehmend Stadt und Landschaft prägende Bedeutung. Künstliche Symbolwelten flankieren den Alltag auf Schritt und Tritt. Wenn man die Bilder aus stadtplanerischer Sicht betrachtet, fühlt man sich an Ulrich Becks Diktum vom lediglich mit Fahrradbremsen ausgestatteten Interkontinentalflugzeug erinnert. So wenig vermag die US-amerikanische Gesellschaft gegen die Naturzerstörung und den Verlust sozialer und kultureller Werte auszurichten.
Zumindest zwei Fragen lässt der Band letztlich offen: 1) Wohlwissend, dass in der Europäischen Stadt manches gebremster vonstatten geht, öffentliche Akteure ambitionierter und private (gezwungenermaßen) verantwortlicher mit Raum umgehen: Schlagen Marktprozesse nach der Krise (zweifellos gibt es ein Danach) umso brutaler auf den Raum durch – weil das ökonomische Wachstumsparadigma einfach nicht klein zu kriegen ist und nach Krisen immer umso großzügiger bedient werden muss? 2) Kann die aktuelle Finanzmarktkrise Einhalt gebieten und zur Umkehr zwingen?
Sicher nicht von selbst und ohne weiteres. Umso wichtiger ist ein solch beeindruckender Bildband wie der sehr sorgfältig produzierte und gut ausgestattete Band „Over“. (fb)
„Raum für Zukunft“ – Neuauflage mit aktuellen Ergänzungen
Monheim, Heiner; Zöpel, Christoph (Hg.)(2008): Raum für Zukunft. Zur Innovationsfähigkeit von Stadtentwicklungs- und Verkehrspolitik, 2. überarbeitete und ergänzte Ausgabe, Essen
„Raum für Zukunft" erschien 1997 erstmals aus Anlass des 60. Geburtstags von Karl Ganser. Architekten, Stadtplaner, Raumplaner und Geographen haben das Buch seither viel genutzt: als Überblick zu Geschichte und Konzeption von Stadtplanung und als praktischen Einblick in die Stadterneuerung Nordrhein-Westfalens. Die Neuauflage wurde stark erweitert, sowohl im konzeptionellen Teil als auch bei den Fallbeispielen. Der erste Abschnitt bietet Beiträge zu historischen Entwicklungen und aktuellen Orientierungen der räumlichen Planung – ausgerichtet auf Grundlagen, Grundtendenzen und Grundüberlegungen. Des Weiteren geht es um die „Innovationsfähigkeit der Akteure“ – diesbezüglich werden u.a. die kommunale Planung, Ministerien, Lobbies und Verbände betrachtet. In den Beiträgen zum Thema „Verkehrsentwicklung“ werden Aspekte thematisiert wie die Autofixiertheit der Verkehrspolitik, die (Un)möglichkeit einer Verkehrswende oder die Rolle von Großprojekten in der Verkehrspolitik. Des Weiteren geht es um „Stadtentwicklung in Städten und Regionen Nordrhein-Westfalens“: Hier werden anhand zahlreicher Praxisbeispiele aktuelle Fragestellungen aufgegriffen. Abschließend wird unter dem Motto „Stadt- und Verkehrspolitik auf dem Prüfstand“ in einer Interviewreihe mit Karl Ganser, Christoph Zöpel, Klaus Töpfer und Hans-Jochen Vogel Bilanz gezogen – zur Stadt- und Verkehrsentwicklung in Deutschland. (mk)
Lesetipps IV|2008

In dieser Ausgabe mit Lesetipps von Frank Betker (fb), Marion Klemme (mk) und Magdalena Wilczynski (mw).
Markt und Stadt (II)
Matthias Kiese, Ludwig Schätzl (Hrg.): "Cluster und Regionalentwicklung. Theorie, Beratung und praktische Umsetzung." Dortmund 2008
Detlef Hartmann, Gerald Geppert: "Cluster. Die neue Etappe des Kapitalismus" Berlin/Hamburg 2008
Das regionale Umfeld einer Stadt ist wichtig für die Stadtentwicklung. Auch in den heutigen Zeiten der Globalisierung gilt das für die regionalen Wirtschaftsbeziehungen. Dabei wird eine altbekannte Tatsache zunehmend auf eine neue Begrifflichkeit gebracht: „Cluster“ ist der Schlüsselbegriff für Kooperationsbeziehungen zwischen gleichen oder auch ungleichen Partnern innerhalb einer Region – zum Nutzen aller Beteiligten und der Stadt als deren soziales und räumliches Umfeld. Geradezu musterbeispielhaft soll der Cluster-Gedanke in der neuen Hochschulerweiterung der RWTH Aachen auf dem Gelände des Westbahnhofs und des Campus-Geländes Melaten/Seffent realisiert werden, wenn dort Global Player mit Hochschulinstituten hautnah kooperieren. Relativ neu und unverbraucht ist dabei die Idee, bereits mittels städtebaulicher Planung, vorzeitig ideale räumliche Voraussetzungen für das im wissensökonomischen Sinne optimale Gedeihen der Kooperation und für das Entstehen eines hochproduktiven Wachstumspols zu schaffen. Andere Städte würden Aachen um das Problem beneiden, die neue Nachfrage und das Wachstum der Bevölkerung zu organisieren. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Cluster-Modell sich ähnlich beispielhaft entwickelt wie etwa das der Region Wolfsburg (VW) oder der Biotech-Region im Umfeld der LMU München.
Fachliteratur, die vor allem die räumlichen und sozialen Bedingungen für erfolgreiche Cluster, oder umgekehrt: räumliche und soziale Folgen erfolgreicher Cluster thematisiert, ist noch spärlich. Einstweilen kann auf den gerade erschienen Band von Kiese und Schätzl über „Cluster und Regionalentwicklung“ zurückgegriffen werden. In geradezu bissiger, scharf kapitalismuskritischer Weise wird das Thema Cluster in dem Band von Detlef Hartmann und Gerald Geppert als „neue Etappe des Kapitalismus“ thematisiert. Soziale Folgen stehen hier im Zentrum. (fb)
Anmerkung zu rosafarbenen Einkaufszentrum oder: Ist die Verursachung von Hässlichkeit strafbar?
Harald Martenstein: Hässlichkeit ist nicht subjektiv! In: ZEITMagazin Nr. 38, 11.09.2008, 6 (Download unter http://www.zeit.de/2008/38/Martenstein-38 )
Im Blickpunkt steht ein rosafarbendes Einkaufszentrum auf dem Berliner Alexanderplatz. Selbst der Bürgermeister ist überrascht, dass in „seiner“ Stadt derart hässliche Bauten entstehen können... Nicht nur die Hässlichkeit des Gebäudes, sondern auch die offene Frage, wer an diesem Desaster denn nun die Schuld trüge, veranlasst Martenstein in seiner ZEIT-Kolumne einen neuen Straftatbestand für die Gesetzbücher einzufordern: Es geht um den Tatbestand „Architekturverbrechen“, der seiner Meinung nach wie folgt zu erfassen sei: „Personen, die an der Planung, Finanzierung und Errichtung von Bauwerken oder an der Bewilligung von Bauwerken mitwirken, die das ästhetische Gemeinwohl mehr, als nach Abwägung aller Umstände erforderlich, beeinträchtigen oder das Stadtbild schädigen oder die Lebensfreude der Bürger der Bundesrepublik Deutschland dauerhaft in Mitleidenschaft ziehen, werden mit Gefängnis nicht unter zwei Jahren bestraft. Der Versuch ist strafbar." Nur das Problem der Messbarkeit von Hässlichkeit wäre da noch zu lösen... (mk)
Irrungen moderner Baukunst
Gerhard Matzig: Vom König lernen. In: Süddeut-sche Zeitung, 2008-08-04, S. 9 (Download unter http://www.sueddeutsche.de/immobilien/840/304813/text/)
Wie kommt es zu der heute derart disharmonisch gearteten Architektur? Gerhard Matzig sucht nach Gründen für die architektonischen „Unfälle“, die Bürgern allerorts zugemutet werden. Neben der allgemein bekannten beruflichen Identifikationskrise der Architekten weist er auf die bisher kaum wahrgenommene aber folgenschwere Professionsmisere der Bauherren. Anhand von Beispielen für mißlungene Fälle in der Baukulturproduktion bemängelt er die unzulängliche Baukunst-Bildung und das wenig fundierte Wissen der Entscheider. Aber worauf sind wiederum diese Kenntnismängel zurückzuführen? (mw)
Das Ende der "Architektur mit dem Wow!-Faktor"
Gerhard Matzig: Das Ende der "Architektur mit dem Wow!-Faktor", In: Süddeutsche Zeitung, SZ 2008-11-06, S.9 (Download unter http://www.sueddeutsche.de/immobilien/977/316857/text/)
Welche Auswirkungen hat die globale Wirtschafts- und Finanzkrise auf die „Corporate-Architecture“? Gerhard Matzig sieht Großkonzerne (zunächst die der Automobilbranche) – und auch manche Städte – ihrer architektonischen Statussymbole beraubt: angesichts des Renditeverfalls und der Krisenstimmung können sie sich der Identitätsstiftenden „ikonischen Bauten“ nicht mehr bedienen…
... und schon wird das erste Projekt eingefroren: „Der Moskauer Gazprom-Tower soll doch nicht gebaut werden“... (SZ 2008-11-12, S.13) (mw)
Lesetipps III|2008

In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Marion Klemme (mk), Claus-Christian Wiegandt (ccw) und Frank Betker (fb).
Wer geht zuerst baden? Ein lehrreicher Vergleich
Jens Tönnesmann (2008): Gute Planung, schlechte Planung. In: brand eins, Heft 03/2008, 122-127
http://www.brandeins.de/home/inhalt_detail.asp?id=2624&umenuid=1&wh=&MenuID=130&Mag
ID=99&sid=su1341301641542796287
Während die Bottroper schon ihre Badesachen packen, steht auf Sylt der Bau still. Warum geht es bei manchen Bauprojekten zügig voran und bei anderen eben nicht? Der Blick ist auf den Verlauf von Planungsprozessen zu richten: „...lange bevor der erste Bagger anrollt, entscheidet sich, wann der letzte die Baustelle wieder verlässt.“ Das Bottroper Vorhaben zeigt, wie es möglich wird, dass sich Beteiligte und Interessierte rechtzeitig mit ihren Wünschen einbringen und abstimmen können. Und: folgend kann der Bau ohne größere Reibungen realisiert werden. Auf der Sylter Baustelle tut sich hingegen nicht sehr viel: Komplizierte Akteursverquickungen und eben solche vertraglichen Konstrukte erschweren die Abwicklung. Baustopp, Verzögerungen, Entschädigungsforderungen und Firmenpleiten kennzeichnen hier den Planungsalltag – und das alles, bevor die erste Schaufel Erde überhaupt bewegt wurde. Die Baukosten steigen weiter, gleichzeitig sind neue Schadenersatzprozesse absehbar... (mk)
Stromlagen – urbane Flusslandschaften gestalten
Montag Stiftung Urbane Räume und Regionale 2010 (Hrsg.): Stromlagen – urbane Fluss-landschaften gestalten. Birkhäuser Verlag. Basel – Boston Berlin 2008.
Wer sich für das Planen und Bauen am Wasser interessiert, kommt zukünftig an dem voluminösen und gleichzeitig ausgesprochen ansprechend gestalteten Werk der drei jungen Autoren Christoph Hölzer, Tobias Hundt und Carolin Lüke nicht vorbei. Auf fast 600 Seiten stellen die drei Autoren nicht nur phantasievoll vielfältige Gedanken, Ideen und Skizzen zur Gestaltung des Rheinufers zwischen Bad Honnef und Leverkusen vor. Sie stellen in dem wunderschön illustrierten Buch auch 16 jüngst realisierte Projekte entlang dieses Rheinabschnitts vor und setzen diese Vorhaben über verschiedene Schlagworte geschickt in eine Beziehung zu 82 anderen Projekten aus allen Teilen Europas, die sie während ihrer zweieinhalbjährigen Arbeit als Stipendiaten der Montag-Stiftung in Bonn entdeckt haben. Das Buch lädt zu einer Reise durch Europa auf dem Wasser ein und sensibilisiert für die vielfältigen und bunten Lösungen, die in den vergangenen Jahren durch die Umnutzungen urbaner Flusslandschaften entstanden sind. (ccw)
Markt und Stadt (I)
vhw Forum Wohneigentum, Heft 2 (April-Mai) 2008: Beiträge von Tobias Just / Philipp Ehmer sowie Bernd Hallenberg.
Hans-Joachim Dübel: Die Krise am Hypothekarkreditmarkt der USA, Schriftenreihe des Instituts für Städtebau, Wohnungswirtschaft und Bausparwesen. Berlin 2007.
Rainer Sommer: Die subprime-Krise. Wie einige faule US-Krdite das internationale Finanzsystem erschüttern. Hannover 2008.
Conrad Schuhler, Fred Schmid: Von Cash zum Crash – wann kommt der große Knall?, isw-wirtschaftsinfo 40, Sept. 2007.
Städte verdanken ihre Entstehung und Existenz ganz wesentlich den Märkten als Orten des Warentauschs und: der Geldwirtschaft. „Die Großstädte sind von jeher die Sitze der Geldwirtschaft gewesen“, schreibt Georg Simmel in seinem berühmten Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903). Das würde auch heute niemand in Zweifel ziehen. Einige Zeilen weiter schreibt er auch: „Geldwirtschaft aber und Verstandesherrschaft stehen im tiefsten Zusammenhange.“ Und daran muss mindestens seit einem Jahr zutiefst gezweifelt werden. Das weltumspannende Netz des Finanzmarktes, mit seinen Metropolen und Global Playern, ist außer Rand und Band. Unter den Begriffen Finanzmarktkrise, Immobilienkrise, Hyothekenkrise oder subprime-Krise wird diskutiert, was vom US-amerikanischen Häuslebauer ausging. Genauer: von der Finanzwirtschaft und den teils absurden Finanzinstrumenten, die sich rund um die Immobilie entwickelt haben. Was das nun mit Stadt und Stadtentwicklung zu tun hat, erschließt sich (zumal in Deutschland) nicht auf den ersten Blick (und wird deshalb in der Diskussion über Stadtentwicklung noch sträflich vernachlässigt). Die Entwertung gan-zer Straßenzüge wie in Cleveland/Ohio, wo einkommensschwache Hausbesitzer ihre Hypothekenzinsen nicht mehr zahlen konnten und der Bürgermeister die Banken verklagt, kam in Deutschland noch nicht vor, zumindest nicht als unmittelbare Folge der Finanzmarktkrise. Gleichwohl sorgen Finanzmarktmechanismen dafür, dass der Kauf großer, vor allem kommunaler (Miet-) Wohnungsbestände für internationale Finanzinvestoren (teils Hedgefonds) lukrativ ist und für deutsche Kommunen (und Länder) eine Möglichkeit darstellt, Haushalte auszugleichen. Erst allmählich zeigt sich, dass Eigentümerinteressen differieren, Straßenzüge und Nachbarschaften unter dem Blickwinkel globaler Vermarktung betrachtet werden, usw.
Das Heft 2 / 2008 der Zeitschrift vhw Forum Wohneigentum enthält dazu Aufschlussreiches, insbesondere die Beiträge von Tobias Just / Philipp Ehmer sowie Bernd Hallenberg. Für die Schriftenreihe des Instituts für Städtebau, Wohnungswirtschaft und Bausparwesen hat der Finanzökonom Hans-Joachim Dübel im Jahr 2007 eine Studie über „Die Krise am Hypothekarkreditmarkt der USA“ verfasst, die sich auch mit den Herausforderungen für die Wohnungspolitik befasst. Lesenswert auch, wenngleich nur mit spärlichen sozialen und räumlichen Bezügen, ist das in der von Florian Rötzer herausgegebenen Telepolis-Reihe im April 2008 erschienene Buch von Rainer Sommer: Die subprime-Krise. Preiswerte und engagierte Information liefert auch das Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung München mit einem Beitrag von Conrad Schuhler und Fred Schmid. (fb)
Lesetipps II|2008

In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Frank Betker (fb), Marion Klemme (mk) und Claus-Christian Wiegandt (ccw).
Kulturelle Umbrüche, Urbanität und Öffentlichkeit in der Stadt der 1970er Jahre
Adelheid von Saldern (Hg.): Stadt und Kommunikation in bundesrepublikanischen Umbruchzeiten, Beiträge zur Kommunikationsgeschichte Band 17, Steiner Verlag Stuttgart 2006, 393 Seiten, 40 s/w-Abb., kartoniert, ISBN: 3-515-08918-7, Preis: 49 Euro
Die moderne Stadt des 19. und 20. Jahrhunderts ist auf vielfältige, ambivalente und widersprüchliche Weise mit Entgrenzungen und Auflösungserscheinungen konfrontiert, mit neuen Grenzziehungen und Differenzierungen, mit Revitalisierungen und immer wieder neuen Versuchen, auch sozial und kulturell zusammenzuhalten, was in einem räumlichen Kontext steht. Urbanität und Öffentlichkeit sind Schlüsselworte in den Diskursen, die sich um das Verständnis der modernen Stadt und ihrer Stadtentwicklungen bemühen.
Der von der Hannoveraner Historikerin Adelheid von Saldern herausgegebene Sammelband „Stadt und Kommunikation in bundesrepublikanischen Umbruchzeiten“ leistet dazu einen Beitrag, indem er thematisch breit angelegt und multidisziplinär danach fragt, wie sich städtische Öffentlichkeiten und Urbanität gerade in Umbruchzeiten verändern und behaupten, wie gefährdet sie sind und mit welchen Impulsen sie den inneren Zusammenhalt der Stadt immer wieder auch stärken können.
Im Fokus der meisten Beiträge stehen die 1970er-Jahre als „Satteldekade“ (von Saldern, S. 14), in der sich die Städte zu Orten gesellschaftlicher Konflikte und Aushandlungsprozesse, neuer kultureller Praxisformen „von unten“ sowie neuer image- und ereignisorientierter Repräsentationsstrategien „von oben“ entwickeln. Gerade in dieser Zeit kippen klassische Vorstellungen von Modernität. Die nachlassende Fähigkeit des Fordismus, Modernität in Arbeitsleben, Sozial- und Raumstruktur zu konstituieren, hat sicher dazu beigetragen. Vor allem eröffnen sich neue kulturelle Spielräume, die teils jedoch wieder eingeengt werden, weil die ökonomische Krise ab 1973/74 die lange Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs vorerst beendet und ihren Tribut fordert. Schon im Zuge der Studentenbewegung der späten 1960er-Jahre, mit Gesellschafts-, Stadt- und Stadtplanungskritik, wurden sowohl restaurative politische und kulturelle Tendenzen als auch radikal moderne Strategien des funktionalistischen Stadtumbaus gegeißelt, Veränderungen eingefordert und initiiert – die teils bis heute nachwirken. (fb)
Beschleunigte Veredlung städtischer Wohnviertel
Großstadtidylle. Schöner wohnen in New York. Von Christian Schlüter, Frankfurter Rundschau, 12-02-2008
Verschiedene Viertel New Yorks haben sie schon durchlebt, die gentrifizierung, und zumeist verläuft sie nach dem gleichen Muster: Ist ein Viertel durch Studenten, Künstler und andere zu buntem Leben erweckt worden, hat sich ein entsprechendes kreatives, hippes Flair entwickelt, so folgen alsbald die Luxussanierungen. Doch diese Prozesse brauchen ihre Zeit, denn „nur die Patina des Gelebten bringt Rendite“ – das wissen auch die Investoren.
In Dumbo – einem gefragten Viertel der young urban people – soll diesem Prozess nun etwas auf die Sprünge geholfen werden. Und eine Immobilienfirma mischt kräftig mit, um den Geld bringenden Veredlungsprozess des Stadtteils zu beschleunigen: die schon bestehenden künstlerischen Aktivitäten werden vor Ort unterstützt und gleichzeitig der Häuserbestand aufgekauft. Für die entsprechende – sprich erwünschte – Klientel sorgen der Kaufpreis und eine dezente Vorauswahl unter den Nachfragern. Die Strategie scheint zu funktionieren; zahlreiche Ateliers sind bereits vermietet, die Wohnungsangebote sehr begehrt. „Very charming“, der raue Schick... (mk)
Bereicherung für alle werden, die Freude am Nachdenken über Planen, Entwickeln und Steuern haben
Sabine Müller-Herbers: Kooperation und Freiraumschutz. Beispiele großer Stadterweiterungsprojekte in Deutschland und den Niederlanden. Verlag Dorothea Rohn, Dortmund 2007
Im Vergleich einer deutschen und niederländischen Fallstudie liegt ein besonderer Reiz der umfassenden Dissertation, die Sabine Müller-Herbers zum Planungsprozess zweier großer städtebaulicher Neubauprojekte am Stadtrand verfasst hat. Die beiden Vorhaben Münster-Gievenbeck Südwest und Enschede De Eschmarke aus den 1990er Jahren werden mit einem akteurzentrierten Ansatz auf die Bedeutung des Umwelt- und Freiraumschutzes bei räumlichen Planungs- und Entscheidungsprozessen untersucht. Herbers kommt es in ihrer Studie darauf an, Planungsereignisse zu rekonstruieren, Akteure und Akteurkonstellationen mit ihren spezifischen Interessen vorzustellen sowie die Erkenntnisse an den spezifischen Kontext der Fallstudien rückzubinden, um auf diese Weise Unterschiede in den Kooperationsformen der beteiligten Akteure in den beiden Planungskulturen aufzuzeigen. Es geht um die jeweils unterschiedlichen Möglichkeiten und Praktiken, Freiraumbelange in größere Siedlungserweiterungsprojekte am Stadtrand einzubringen. Die Arbeit ist durch einen entscheidungsorientierten Ansatz von Planung theoretisch fundiert, der auf den niederländischen Planungstheoretiker Andreas Faludi zurückgeht. Sabine Müller-Herbers hat sich dazu eine längere Zeit bei ihm an der Universität in Nijmegen aufgehalten. Sie stützt ihre Ergebnisse zudem auf intensive Recherchen und Interviews mit den Entscheidungsträgern in ihren Fallstudien ín Münster und Enschede. Diese Verbindung zwischen einer politikwissenschaftlichen Fundierung und einer auch eigenen außeruniversitären Berufserfahrung lassen diese Dissertation zu einer Bereicherung für alle werden, die Freude am Nachdenken über Planen, Entwickeln und Steuern haben. (ccw)
Lesetipps I|2008

In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Marion Klemme (mk), Klaus Selle (ks), Claus-Christian Wiegandt (ccw) und Lucyna Zalas (lz).
E-Partizipation - Fluch oder Segen?
Till Briegleb [2007]: Der Klick zum Bau - E-Partizipation: Soll das Volk über Architektur abstimmen? In: Süddeutsche Zeitung Nr. 273/2007, S. 13
Anhand der neusten Planungen seiner Heimatstadt berichtet der Hamburger Journalist Till Briegleb über das Instrument der „E-Partizipation“.
Obwohl sich die Planer und die Kommunen vor der Bürgerbeteiligung fürchten, haben sie sich zum Prinzip der „Good Governance“ verpflichtet und wollen zusätzlich zur gesetzlich vorgeschriebenen Bürgerbeteiligung ein Mehr an direkt-demokratischer Mitwirkung der Bürgschaft unterstützen. Leicht zugängliche Wege der Partizipation sollen eingerichtet werden und einer dieser Wege führt durch das Internet und nennt sich „E-Partizipation“.
Bisher gibt es wenige Erfahrungen mit diesem Weg der Beteiligung, denn die Fachwelt hat Angst vor Nimbys ( „Not in my backyard“ - Nicht in meinem Garten) und vor allem vor dem öffentlichen Geschmack an sich, dem sie unterstellt, grundsätzlich regressiv modernitätsfeindlich zu sein.
Nun hat Hamburg zu einem sogenannten „Bürger-Dialog“ aufgerufen, der online geführt wird und auf einen lebendigen Austausch zum Thema „Living Bridge - Wohnbrücke über die Elbe“ abzielt. Die Internetdiskussion wird von der TuTech Innovation GmbH im Auftrag der Freien und Hansestadt Hamburg, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) durchgeführt.
Laut Briegleb ist das Onlineangebot, das eine Diskussionsplattform, ausführliche Projektinformationen, städteplanerische Grundlagen sowie Chats mit Politikern und Fachleuten umfasst, gut besucht. Die Debatten erreichen teils ein sehr hohes Niveau und das Votum aus diesem Prozess soll in die Entscheidung zum Projekt einfließen.
Doch trotz der durchweg positiven Meinung gibt der Autor zu bedenken, dass diese Form der Beteiligung noch der Diskussion über ihre demokratische Legitimation bedarf. Denn von der guten Absicht der niedrigschwelligen Beteiligung hin zur populistischen Entscheidung maskiert als direkte Demokratie, scheint ihm der Weg nicht weit. (lz)
(Wer sich selbst gerne ein Bild vom Online-Prozess in Hamburg machen möchte kann dies unter http://www.belebte-bruecke.de/)
La dolce vita in deutschen Städten - das Prinzip Cittaslow.
Gerhard Waldherr [2007]: Ruhe bewahren. Tradition, Heimat, Werte. Das klingt muffig und reaktionär. Doch es kann auch ganz modern sein. Dann heißt es Cittaslow. In: brandeins 08/07, S. 130-137 Mit Fotos von Monika Höfler
Gerhard Waldherr hat für brandeins die Bewegung der Cittaslow porträtiert und dabei die deutschen Cittaslow besucht: Hersbruck, Waldkirch, Überlingen und Schwarzenbruck.
Es sind vier der weltweit insgesamt 90 Cittaslow. Allein 56 davon liegen in Italien, wo sich die Bewegung 1999 aus der Initiative Slow Food entwickelt hat. Der Artikel berichtet über den Verband der Cittaslow sowie die Kriterien zur Aufnahme.
Regionales stärken, lebenswerte Umwelt schaffen, Nachhaltigkeit, - global denken, lokal handeln, in richtigem Tempo - sind die wichtigsten Ziele der Mitglieder. Waldherr gibt einen kurzen Abriss darüber, wie die Städte in Deutschland diese Ziele erreichen wollen, welche Akteure und Institutionen sie dabei unterstützen und wie das harmonische Miteinander von Stadt und Wirtschaft funktionieren kann. Er besuchte die Städte und sprach mit Bürgermeistern, Akteuren und Bürgern über das Prinzip Cittaslow und ihre private als auch politische Sicht darauf. Der Autor stellt die Frage, warum Cittaslow mehr ist als ein Marketinggag und nicht teuer sein muss.
Eines ist sicher: Trotz „dolce vita“ und bedachter Entwicklung - bei der Verbreitung ihrer Nachhaltigkeitsidee kann es den Initiativen nicht schnell genug gehen. (lz)
Stadtpolitik
Häußermann, Hartmut; Läpple, Dieter und Walter Siebel (2008): Stadtpolitik. Frankfurt, edition suhrkamp 2512.
Wenn sich die beiden großen deutschen Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel, die durch zahlreiche gemeinsame Beiträge bekannt wurden, mit Dieter Läpple, einem dritten großen Stadtsoziologen in Deutschland, zusammenschließen und gemeinsam ein neues Buch im Suhrkamp Verlag schreiben, verspricht es, interessant zu werden. So werden klassische Themen wie beispielsweise Urbanität oder öffentliche Räume, wie Schrumpfung oder Segregation, die bisher für die beiden Autoren Häußermann und Siebel standen, ergänzt um eine ausführlichere Berücksichtigung der fordistischen Stadtlandschaft sowie einer postfordistischen Renaissance der Städte. Gleichzeitig umfasst das Buch einen historischen Abriss der deutschen Stadtplanung, der deutlich werden lässt, wie der Staat in unterschiedlicher Form versucht hat, steuernd Einfluss auf die Gestaltung der Städte zu nehmen. Insofern ist der Titel „Stadtpolitik“ des Buchs ausgesprochen treffend. Da der Text vollständig neu geschrieben ist, ist er auch für Leser, die bereits mit früheren Texten der drei Autoren vertraut sind, ein großer Gewinn. (ccw)
Gemeinschaften entwickeln Stadt
Nein, das Thema ist nicht tot zu kriegen. Früher mal waren es die Genossenschaften und die sie tragenden Bewegungen, dann hörte man von Wohngruppen, dann vom Cohousing, von den "selbstgewählen Nachbarschaften" und nun sind es die Baugemeinschaften oder Baugruppen, die über die Fachöffentlichkeiten hinaus für Aufmerksamkeit sorgen. Gerade eben brachte Die ZEIT (Nr. 1/08)einen mehrseitigen Artikel unter dem reißerischen Titel »Die Schweine-Investoren sind wir« – anders als die Überschrift lautet war der Tenor positiv und hoffnungsfroh und lautete etwa: Ein Massenphänomen sind sie zwar nicht, diese Gruppen und Gemeinschaften, die da (es ging um Berlin) als Bauherren auftauchen und ihr Wohnungen nach der Bauphase gemeinschaftlich organisieren. Aber sie werden mehr – und sie stehen für etwas: für Rückbesinnung auf die Kraft der Gemeinschaft (»das Ganze ist mehr als die Summe der Teile«), für neue Vorstellungen von Nachbarschaft in Zeiten der Individualisierung und für neue Bauträgertypen (nicht zufällig stand der Artikel im Wirtschaftsteil des Blattes).
Das alles sind keine neuen Beobachtungen oder Einschätzungen: Schon die umfängliche Literatur zu den Wohngruppen und selbstgewählten Nachbarschaften, zu Cohousing etc. hat das in den 80er Jahren festgestellt - aber dieses Thema schien vergessen und es ist daher umso erfreulicher, dass es nun wieder zu Tage tritt. Denn natürlich hat das Thema enge Bezüge zu Fragen der Stadtentwicklung, wird hier doch ein Typus sozialer Ordnung sichtbar, der zwischen Markt und Staat liegt, aber gern übersehen wird - die Gemeinschaft. Und eben diese Gemeinschaften (in ihren unterschiedlichsten Formationen) waren und sind schon immer Teile der local governance…
Interessant, dass sich nun auch das Deutsche Architektur Zentrum und der BDA des Themas annehmen. Interessant auch deswegen, weil Architekten sich sehr lange sehr schwer mit diesem Thema taten und viele die anspruchsvolle fachliche Betreuung von Baugruppen scheuten wie der Teufel das Weihwasser. Aber nun liegt ein kleines Büchlein vor: auf.einander.bauen. Baugruppen in der Stadt; herausgegeben von Kristien Ring/DAZ, erschienen bei jovis in Berlin, das sachkundig und vorurteilsfrei Hintergründe benennt und Beispiele (aus Berlin) zeigt. Leider fehlt es an Querverweisen auf Aktivitäten in diesem Felde an anderen Orten – besonders prominent: Tübingen, Freiburg, Hamburg, aber in vielen Städten wird auch im Stillen gewirkt: in Dortmund etwa, in Kiel in Hannover (wo das Bürgerbüro Stadtentwicklung seit Jahren Baugemeinschaften betreut. Aber das Büchlein mag als "appetizer" dienen und vielleicht auch dazu anstiften, sich des Themas einmal wieder in der Forschung anzunehmen: Bezüge lägen sowohl in der Zivilgesellschaftsdebatte wie im Versuche die Interdependenzgestaltung zwischen Akteure aus der Governance-Perspektive zu erhellen. (ks)
Rest-Refugium für alternative Lebensräume oder Risikokapital?
Stefan Berg, Marcel Rosenbach: „Der Winter wird heiß.“ In: Der Spiegel, Nr. 51/17.12.07, S. 54-58
Der Köpi, eines der ersten besetzten Häuser im Osten Berlins, selbst definierter Freiraum einer bunten Bewohnerschar, wurde an eine undurchsichtige Firma verkauft. Ein Schnäppchen! Nun stehen Abriss und Wohnungsneubau auf dem Plan, soviel ist wohl klar.
Die Bewohner und eine Vielzahl unterstützender Kräfte setzen sich ein, gegen die besenreine Übergabe dieses und benachbarter Grundstücke. Freiräume verteidigen heißt hier Räumung vermeiden: Der Kampf wird professionell organisiert, mit umfassender Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und eigenen Recherchen. Diese haben auch den Käufer entlarvt: Der vermeintliche Neubesitzer aus dem Kosovo: nur Treuhänder. Der echte Käufer – mit Sitz in Berlin – betreibt ein Geflecht verschiedener Firmen und ist wegen dubioser Geschäfte bereits justizbekannt.
Gestritten wird für alternative Lebensformen jenseits der Kleinfamilie: Ein politischer Kampf. Es kommt nicht nur zur Abwehrschlacht seitens der Bewohner, auch Rundtischgespräche mit Bezirksbürgermeister und Senatsvertretern sowie Vermittlungsversuche zwischen den Beteiligten werden organisiert. Ohne Erfolg. Weiterhin Drohungen auf beiden Seiten.
Und die Stadt? Ist ratlos. Die Versteigerungspläne haben die Zuständigen des Projektes „Soziale Stadt“ überrumpelt; Gespräche mit dem neuen Besitzer scheiterten. Selbst kaufen kann das Land nicht. Es ist pleite. Jetzt wird gehofft, dass kein Dauerkrieg entflammt. Bleibt zu fragen, was mehr kostet: die Unterstützung alternativer Lebensräume oder die anstehenden Räumungen, Verhandlungen und Polizeieinsätze... (mk)
„Wo heute über die Zukunft der Stadt und der Stadtentwicklung gesprochen wird, bleibt nicht aus, dass auch die Notwendigkeit betont wird, das Engagement nicht-staatlicher Akteure als wesentliche Säule von Stadtentwicklung zu ermöglichen und zu etablieren.“
(www.planungsrundschau.de)
Genau diesem Thema widmet sich der neue Band der Planungsrundschau: Als Nr. 15 liegt vor: Hoffnungsträger Zivilgesellschaft. Governance, Nonprofits und Stadtentwicklung in den Metropolregionen der USA, herausgegeben von Uwe Altrock, Heike Hoffmann und Barbara Schönig. Berlin 2007. Das Heft ist zu beziehen über das Fachgebiet Stadtumbau/Stadterneuerung (Prof. Dr. Uwe Altrock), Universität Kassel, Fachbereich 6, Henschelstraße 2, 34109 Kassel [www.planungsrundschau.de]
Da in diesem Band zahlreiche interessante Untersuchungen zu "Bürgerinnen und Bürgern als Akteuren der Stadtentwicklung" enthalten sind, werden wir in der nächsten Ausgabe von PNDonline (in der Rubrik "Themen"/Thema 1) ausführlicher darauf eingehen. (ks)
Lesetipps IV|2007

In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Uwe Altrock (ua), Ulrich Berding (ub), Stefanie Föbker (sf) und Claus-Christian Wiegandt (ccw).
Urban Development in Post-Reform China. State, market, and space.
Fulong Wu / Jiang Xu / Anthony Gar-On Yeh: Urban Development in Post-Reform China. State, market, and space. London / New York: Routledge 2007
Die dynamische Entwicklung der Städte in China seit Beginn der Reformen Ende der 1970er Jahre fasziniert Stadtgeographen, Planer, Architekten, Soziologen und Politikwissenschaftler seit längerer Zeit. Viel ist zu der explosionsartigen Entwicklung von „Megastädten“ geschrieben worden, und vieles davon unterliegt entweder so stark der Faszination, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung auf einem eher beschreibenden Niveau bleibt, oder es werden so stark die Bezüge zu internationalen Stadttheorien hergestellt, dass die Besonderheiten der Entwicklung in den Hintergrund treten. Nicht so bei dem neuen Buch des bekannten Autorenteams, dem es gelingt, eine wahrhaft interdisziplinäre Perspektive einzunehmen und dabei die planungspolitischen Entwicklungen in China hervorragend verständlich zu machen. Der Band stellt gründlich die marktwirtschaftlichen Entwicklungen vor und beleuchtet sie unter einer Governance-Perspektive, wohl wissend, wie anders die Rolle von Staats- und Parteienherrschaft, privater und öffentlicher Unternehmen sowie einer nicht wirklich unabhängigen Zivilgesellschaft in der chinesischen Gesellschaft sind. Wer die Entwicklung in China nicht kennt, lernt sie hier schnell verstehen, wer sich mit Planungssystemen und Governance beschäftigt, begreift, auf welche Weise sich unternehmerische Stadtpolitik und staatliche Planwirtschaft in der Stadt- und Regionalentwicklung zu einem Stadtproduktionsmodus verbinden, dessen Einordnung im internationalen Vergleich von großem Erkenntniswert ist. (ua)
UNESCO-Weltkulturerbe. Motor oder Bremse der Stadtentwicklung in Köln?
Andreas Schweitzer: UNESCO-Weltkulturerbe. Motor oder Bremse der Stadtentwicklung in Köln? Reihe: Schriften des Arbeitskreises Stadtzukünfte der Deutschen Gesellschaft für Geographie, Bd. 4, 2007
Der Kölner Dom ist nach einer Zuschauerbefragung im ZDF, aber auch nach Umfragen des BBR ein „Lieblingsort der Deutschen“ bzw. sogar das bekannteste historische Bauwerk in Deutschland. Dies war unter anderem eine Begründung für seine Ausweisung als UNESCO-Weltkulturerbe im Jahr 1996. Mit dem geplanten Bau von Hochhäusern im rechtsrheinischen Stadtteil Köln Deutz drohte die Aberkennung dieser Auszeichnung. Eine sehr intensiv und kontrovers geführte Debatte hat es dazu in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit gegeben. Andreas Schweitzer arbeitet diese Debatte auf, in dem er zum einen sehr intensiv Tageszeitungen und zum anderen 13 qualitative Interviews mit Schlüsselpersonen des Konflikts auswertet. Es geht ihm nicht nur um das Weltkulturerbe, sondern auch grundsätzlicher um einen Streit, inwieweit sich internationale Einrichtungen mit ihren Schutzanforderungen in die kommunale Planungshoheit einmischen. Darüber hinaus geht es um die Konfliktlinie zwischen dem Bau von neuen Hochhäusern aus immobilienwirtschaftlichen Interessen und dem Erhalt von traditionellen Bildern der Stadt aus kulturellen Interessen mit den jeweils unterschiedlichen Motiven für die jeweiligen Positionen. (sf)
Am Ende des Wachstumsparadigmas? Zum Wandel von Deutungsmustern in der Stadtentwicklung. Der Fall Chemnitz.
Katrin Grossmann: Am Ende des Wachstumsparadigmas? Zum Wandel von Deutungsmustern in der Stadtentwicklung. Der Fall Chemnitz. Bielefeld: transcript 2007
Die Autorin untersucht diskursanalytisch die verschiedenen Logiken, mit denen wichtige Akteure der Stadtpolitik mit den gravierenden Umbrüchen durch Schrumpfungsphänomene umgehen. Der Fall Chemnitz ist insofern besonders interessant, weil parallel zur Schrumpfung die Wiederbebauung der in Krieg und DDR-Zeit zerstörten und entdichteten Innenstadt mit großen Hoffnungen auf eine Wiederbelebung eines Bilds von „europäischer Stadt“ verbunden war. Hier werden die Grundlagen gelegt für eine bislang weitgehend vernachlässigte Forschungsrichtung: die Frage nach veränderten Planungspraktiken in Zeiten ohne Hoffnung auf städtisches Wachstum. Wenngleich an einigen Stellen die besonderen Umstände der Fallstudienstadt zu sehr im Mittelpunkt stehen, ist die von der Autorin vorgenommene gründliche Systematisierung von „Deutungsmustern“ und „Akteursbeziehungen“ eine gute Einführung für alle, die an den Rahmenbedingungen von Schrumpfungspolitik interessiert sind und denen es dabei nicht primär um die städtebaulich-handlungsorientierte Seite geht. (ua)
Soziale Stadtpolitik. Institutionen, Netwerke und Diskurse in der Politikgestaltung.
Güntner, Simon: Soziale Stadtpolitik. Institutionen, Netwerke und Diskurse in der Politikgestaltung. Bielefeld 2007
In einer überarbeiteten Fassung seiner Dissertation, die an der TU Berlin geschrieben wurde, legt Simon Güntner eine gehaltvolle Untersuchung zur derzeitigen sozialen Stadtpolitik in Deutschland bzw. in Berlin als Fallstudie vor. Die Arbeit kann durch die gründliche und schlüssige Rekonstruktion aktueller Politikprozesse überzeugen. Güntner geht es im Kern darum, „Quartiersmanagement-Verfahren“ in sozial benachteiligten Stadtteilen als einen neuen Politiktyp zu identifizieren und dabei das Zusammenspiel von Problemdeutung in solchen Quartieren mit der instrumentellen Ausgestaltung einer sozialen Stadtpolitik aufzuzeigen. Dabei spielen politische Diskurse als auslösendes Moment für eine solche Politik eine wesentliche Rolle. Institutionalisierungsprozesse – so eine zentrale These der Arbeit von Güntner – sind nicht ohne bestimmte Problemdeutungen – nicht ohne das „Gepäck“ der stadtpolitischen Akteure, wie es Güntner formuliert – zu verstehen. Für alle Leser, die ein tiefer gehendes Interesse daran haben, wie Politik gemacht wird, ist diese Arbeit eine lesenswerte Lektüre. (ccw)
Ich baue ein Stadion und andere Heldensagen
Christian Ude: Ich baue ein Stadion und andere Heldensagen. München 2006.
Auf rund 70 Seiten beschreibt der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München Christian Ude die zahlreichen Höhen und Tiefen beim Neubau des Fußballstadions in Fröttmaning. In dieser ausgesprochen lesenswerten Satire zeigt er in durchaus selbstironischer Weise, welche Akteure mit welchen Interessen zunächst den Umbau des Olympiastadions und später den Neubau der heutigen Allianz-Arena verfolgt haben. Auf weiteren zehn Seiten findet sich in dem Taschenbuch die Beschreibung eines fiktiven Architektenwettbewerbs, in der die zahlreichen Erfahrungen des Juristen und Oberbürgermeisters Christian Ude mit dem Berufsstand der Architekten, aber auch mit der Kommunalpolitik in witziger Weise beschrieben sind. Das Buch macht Spaß und bringt Themen auf den Punkt, die in der Planungswissenschaft oft sehr viel umständlicher und in trockener Sprache hergeleitet werden. (ccw)
Ausverkauf des öffentlichen Raumes?
Andrian Kreye: Deutschland privat. Wenn der öffentliche Raum von der Wirtschaft gestaltet wird, verliert er seinen demokratischen Charakter.
Gerhard Matzig: Event, Event, ein Lichtlein brennt. Weihnachtsmarkt, Loveparade, Stadtmarathon oder Bladenight: Wie die Städte ihre Straßen und Plätze verramschen.
Johan Schloemann: Der Bürger und der Bürgersteig. Von "Forum" bis "Agora": Träume des demokratischen Städtebaus.
Jean-Michel Berg: Hier bloggt der Chef. Wie Unternehmen im Internet Öffentlichkeit vortäuschen.
Alle Artikel in: Süddeutsche Zeitung vom 02.11.2007, S. 15
„Die Zeit des öffentlichen Raumes scheint vorbei zu sein.“ Dies ist die These, der die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 2. November 2007 eine ganze Feuilleton-Seite widmet. Die Kunde vom Tod des öffentlichen Raumes ist zwar weder neu noch originell, und auch die stete Wiederholung macht sie nicht wahrer – aber dennoch sind die Beiträge von Andrian Kreye, Gerhard Matzig, Johan Schloemann und Jean-Michel Berg lesenswert. Sie beleuchten Fragen der Kommerzialisierung, Privatisierung und Festivalisierung von Stadträumen und überlassen Flaneuren und Forschern die offene Frage, was denn nun wirklich los ist im öffentlichen Raum... (ub)
Lesetipps III|2007
In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Helene Hüttinger (hh), Marion Stock (ms) und Klaus Selle (ks).
Polemik mit hohem Wahrheitsgehalt
Hinte, Wolfgang (2005): Sozialraumorientierte Steuerung sozialer Arbeit zwischen Illusion und Innovation – eine polemische Auseinandersetzung. In: Dokumentation der E&C-Zielgruppenkonferenz vom 26. und 27. April 2005. (http://www.eundc.de/pdf/39002.pdf. Zugriff am 14.07.07)
Wolfgang Hinte bezeichnet seinen Beitrag zur E&C-Zielgruppenkonferenz selbst als „polemische Auseinandersetzung“ mit der Diskussion und Praxis der Sozialraumorientierung. Das ist er in der Tat. Hinte hält mit seinen Einschätzungen und seiner Kritik nicht hinterm Berg und (ver-)schont dabei keinen der Akteure. Gut so, denn das Bild das er zeichnet, enthält viele Wahrheiten – wenngleich sicherlich nicht alle. Hinte beschreibt die alltäglichen Hemmnisse und die „Banalität des Innovations-Alltags“, welche die ressortübergreifende Zusammenarbeit und letztlich Sozialraumorientierung in der Verwaltung so schwer macht.
Es sind zunächst die Schilderungen der Praxisbeispiele, die seinen Beitrag so eingängig und nachvollziehbar machen. So veranschaulicht er beispielsweise die bestehenden Ämteregoismen, das Nebeneinander verschie-dener Förderprojekte, das Fehlen von Absprachen und Ansprechpartnern.
Er weist auf die fatale Lage der vor Ort agierenden VerwaltungsmitarbeiterInnen hin, die sich „selbst auf unsicheren Stellen und in einer prekären beruflichen Situation“ befinden, die nicht wissen, was nach dem Ende ihres Vertrages mit ihnen und ihrem Aufgabenfeld passiert und dabei dennoch im Projekt Kontinuität und Zuversicht ausstrahlen sollen.
Doch bei der Beschreibung der Praxisprobleme bleibt es nicht. Hinte vertieft die Frage nach den vielfach verwendeten Begriffen Steuerung und Sozialraumorientierung und stellt fest: „Sie werden keinen Sozialraum steuern können, erst recht keine regionale Entwicklung und auch keine kommunale Gebietskörperschaft.“ Dennoch sind seiner Meinung nach die Entwicklung sozialräumlicher Konzepte und „sozialräumliche Reorganisationsprozesse“ möglich. Hinte benennt hierzu verschiedene Erfolgsfaktoren, die von einer „klaren Benennung institutioneller Einheiten“ bis hin zur Formulierung und Umsetzung konzeptioneller Vorgaben gehen. Letztlich wirbt er für ein durchdachtes, konsequentes und professionelles Management kooperativer Prozesse auf kommunaler Ebene. Hinte schätzt die Leistungen einzelner sehr engagierter Personen in den verschiedenen Prozessen, warnt aber gleichzeitig vor einer „Überbewertung einzelner kleinteiliger Konzepte in den Kommunen“. Er mahnt zu Ehrlichkeit, Erdung und konzeptioneller Klarheit und bietet damit viele Anstöße zum Weiterdenken. (ms)
An unconvenient truth – Eine unbequeme Wahrheit
Der Film (DVD): CIC Video/Paramount Home; Erschienen am 29. März 2007; Spieldauer 93 min.
Das Buch: Gore, Al; Barth, Richard; Pfeiffer, Thomas (2006) Eine unbequeme Wahrheit. Die drohende Klimakatastrophe und was wir dagegen tun können. München (Riemann Verlag)
"Hallo, ich bin Al Gore … Ich war mal der nächste Präsident der Vereinigten Staaten“. So fängt ein abendfüllender Film an, den es als DVD zu kaufen gibt und dessen Inhalte (und mehr) in einem gleichnamigen Buch nachzulesen sind.
Seine Ursprüngen hat er in einer Diasammlung, mit der Gore schon in den 70ern vor dem „global warming“ warnte – jetzt aber, in technisch gekonnter Weise den Darstellungs- und Sehgewohnheiten des 21. Jahrhunderts angepasst und von einem entspannt, aber präzise argumentierenden Gore vorgetragen ist das mehr als ein mulitmedial aufbereitetes Seminar mit ein paar Seitenblicken auf die Biografie des „ehemaligen nächsten Präsidenten“ – es ist ein Lehrstück in gleich doppelter Hinsicht: Die Klimaveränderungen, ihre Wirkungen und Ursachen werden selten so anschaulich und zugleich packend dargestellt wie hier. Und: Wenn man erst einmal die Vorurteile gegen eine fachliche Argumentation im Wahlkampfstil beiseite gelegt hat, kann man viel über gut, phasenweise brillant umgesetzte kommunikative (Vermittlungs-)Strategien lernen.
Und, am Rande bemerkt: Film und Buch zeigen auch, dass diese Medien sich sehr sinnvoll ergänzen können. (ks)
Die neue Lust an der überschätzten Stadt …
Rauterberg, Hanno (2007) Die neue Lust an der Stadt. Wie wir in 20 Jahren leben und wie wir wohnen werden.
Sewing, Werner (2007) Die überschätze Stadt.
Beides in: BDA Niedersachsen (Hg.) Jahrbuch 2006.2007. Hannover S. 116 ff.
Neue Lust – überschätzt … eine eigenartig anmutende Titelkollage, und doch schon die zentrale Botschaft: In seinem Jahrbuch 2006.2007 stellt der BDA Niedersachsen –neben vielen anderen lesenswerten Beiträgen – zwei Artikel gegeneinander (genauer: im Layout übereinander), die beides verkünden: Es gibt ein neues, bzw. wiedererwachtes Interesse an der Stadt, nicht nur von den Woopies (den „well-off-older-people“), sondern auch von Jüngeren, die die gut eingebundene Lage mit hohem Wohnwert – gibt es sie denn – dem Wohnen am Rande vorziehen. Hanno Rauterberg fasst hier einige der jüngeren Beobachtungen in Szenarien zusammen, die das Bild von der „Renaissance der Stadt“ ausmalen und fordert, dass nun Bundespolitik und Kommunen die Zeichen der Zeit erkennen und diese „neue Lust“ fördern und unterstützen sollten.
Werner Sewing ist ein wenig zurückhaltend und begreift Renaissance hier eher als in Zukunft „friedliche Koexistenz zwischen Stadt und Suburbia“, denn – so seine These illustriert am Beispiel Berlins – „nur ein wachsendes Umland garantiert die Renaissance des Prenzlauer Bergs“.
Kurzum: Bei Beiträge widersprechen einander nicht, sondern ergänzen sich. Es spricht einiges dafür, dass Re- und Suburbanisierung nebeneinander stehen werden und dass insbesondere in Regionen, in denen im Umland der Kernstädte eigenständige städtische Räume existieren, sehr differenzierte Lagestrukturen und Wanderungsbewegungen zu beobachten sein werden. Dabei wird es Gewinner und Verlierer geben … (ks)
Das Interact-Handbuch
... ein Handbuch "von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Stadtverwaltungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Stadtverwaltungen(in der strategischen Planung oder im Projektmanagement)“.
„... Wie gestaltete man die Governance Systeme effektiver und effizienter – im Sinne der Umsetzung von Politiken und im Sinne der demokratischen Legitimität? ...“
In diesem Handbuch wird ein praxisorientierte Ansatz vorgestellt, eigene Situation zu reflektieren, Fragen zu identifizieren und teilweise auch geeignete Antworten darauf zu finden.
Das Interact-Handbuch ist eines der Projektergebnisse des INTERACT (2002-2004) – eines Thematischen Netzwerks, das aus dem 5. Forschungsrahmenprogramm der EU / Leitaktion "Die Stadt von morgen und das kulturelle Erbe" gefördert wurde. (hh)
Weitere Informationen finden Sie im Internet unter http://www.interact-network.org.
Die Produkte sind auch über die Landeshauptstadt München unter http://www.muenchen.de/Rathaus/politik/europa/projekte/37909/index.html sowie auf CD-Rom erhältlich.
Lesetipps II|2007

In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Marion Klemme (mk).
Auf Knopfdruck Haus?
Andreas Grote (2007): Der Traumhaus-Automat. Roboter können schneller und günstiger bauen als Menschen. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 46, 24.02.2007, S. 22
Automatisierter Hausbau per Roboter: Der komplette Rohbau für ein zweistöckiges Haus in 24 Stunden oder ein komplettes Haus in einer Woche. Die Bauzeit würde drastisch reduziert, die Kosten halbiert. Neue Häuser noch schneller und billiger, das versprechen englische und amerikanische Forschergruppen, die Bauroboter entwickeln und testen. Anwendungsfälle könnten beispielsweise „mehrere Zeilen Reihenhäuser günstig und in schnellster Zeit“ sein. Was für Häuslebauer einen Traum darstellt, kommt für diejenigen, die sich für eine Abkehr oder zumindest Minderung des Einfamilienhausneubaus aussprechen eher wie ein Schreckgespenst daher. Also: ab auf den Mond mit dem Roboter? Könnte zur Problemverlagerung werden, denn die Nasa prüft bereits, ob sich der Bauroboter dort einsetzen lässt. (mk)
‚Nichts’ ist nicht gleich ‚nichts’ ...
Antje Havemann; Margit Schild: Von der Nachhaltigkeit des Temporären oder: Was bleibt, wenn nichts bleibt? In dérive, Heft 23/April-Juni 2006, S. 46-48 (www.less-art.de)
Temporäre Planungen und Projekte erfahren in jüngster Zeit vermehrt Aufmerksamkeit, doch gibt es immer wieder auch skeptische Blicke auf Sinn und Zweck dieser Aktionen: Sind es flüchtige Phänomene, die keine Spuren hinterlassen? Antje Havemann und Margit Schild zeigen anhand von Beispielen, wann und wie zeitlich befristete Projekte mehr sind als bloße Events oder temporäre Modeerscheinungen. Die Installation „Jahrtausend Feld“ in Leipzig oder die Aktion „Hausverabschiedung“ in Lauchhammer zeigen, wie die Wahrnehmung von und die Beziehung zu Orten verändert werden kann, indem „Erfahrungsangebote“ initiiert und „Erkenntnisprozesse“ vor Ort unterstützt werden. Die Nachhaltigkeit dieser Erfahrungen ist gleichwohl schwierig zu messen und zeichnet sich erst im Laufe der Zeit ab... (mk)
Lesetipps I|2007

In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Marion Klemme (mk) und Klaus Selle (ks).
Dorf zu verkaufen? Marktwirtschaft zu Ende gedacht – ein Beispiel aus Kalabrien.
Stefan Ulrich: Edel sei der Pate, hilfreich und gut. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 292, S. 3 (19.12.2006)
Wie ein einzelner Bürger sein Dorf retten kann? Bürgermeister werden und innovative Wege gehen! Wir schauen über den Kartenrand Deutschlands bis nach Kalabrien: Cleto - ein marodes Dorf, schrumpfende Einwohnerzahlen, baulicher Verfall. Der Bürgermeister geht einen mutigen Schritt. Nach anderen vergeblichen Versuchen „seinen“ Ort zu retten und vor dem Aussterben zu bewahren, ist er nun auf der Suche nach Sponsoren. Mehr oder weniger das komplette Allgemeingut (Schulen, Sportanlagen, Rathaus, Straßennamen) wird zur Vermarktung angeboten. Eine Gemeinde als Werbefläche - die Idee, die anfangs eher als Provokation verstanden wurde, entfaltet sich. Die ersten Investoren aus Norditalien zeigen Interesse... und die Öffentlichkeit und Fachwelt ebenso. (mk)
Die Mär der Malls. Zur Debatte um „stadtverträgliche “ Shoppingmalls – ein Über- und Einblick
Rahel Willhardt: Glasnost des Mall-Investments. In: Immobilienwirtschaft, 12/06-01/07, S. 51–53
Rahel Willhardt (freie Journalistin, Aachen) greift die aktuelle Diskussion um die „Stadtverträglichkeit“ von innerstädtischen Shoppingmalls auf. Der Leser erhält einen guten Überblick über Verlauf und Positionen der Debatte des letzten Jahres. Zudem bringen die Verweise auf empirische Studien zur (Nicht-)Verträglichkeit von Shoppingmalls erstes Licht in das Dickicht unzähliger Vermutungen über mögliche Auswirkungen und Wertigkeitsfragen dieser Form von Immobilieninvests.
In dem Beitrag werden neben zentralen Positionen und Sichtweisen (teils involvierter, teils forschender) Akteure vor allem die spezifischen Motivationen und Interessen der Beteiligten aufgezeigt. Dabei werden u.a. die Rollen und Möglichkeiten von Immobilienentwicklern, Investoren, Bürgermeistern, Stadtplanern und Bürgern angerissen. (mk)
Städtebau und Stadtplanung: Funktion zentralisierter Macht?
Alexander Hosch (2007): Bauten des Bösen. Sankt Petersburg, Peking, Dubai: Die Stars der internationalen Architektur arbeiten begeistert für Tyrannen und Autokraten. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 2/2007 (03.01.2007), S. 13
Dieter Hoffmann-Axthelm hat in »Planung neu Denken« Bd. 1 (S. 519) darauf aufmerksam gemacht, wie eng der Zusammenhang von Stadtplanung und autoritärer Herrschaft ist: »Planung ist eine Funktion zentralisierter Macht. Sie entstand mit den ersten Hochkulturen, und mit den Zeremonialachsen der Könige und Großkönige der Alten Welt sind uns nicht nur die ältesten, sondern auch die mächtigsten Planungsdokumente der Geschichte gegenwärtig, die im NS und in der Planungsästhetik Le Corbusiers und seiner Schüler spuken«.
Hätte es dazu noch einer Illustration bedurft, so liefert sie Alexander Hosch mit seinem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Projekt von Koolhaas, Nouvel, Gerkan und anderen zum Ausgangspunkt nehmend fragt er, ob »Opportunismus…zum Wesen des Berufs« gehört und gräbt dabei auch in der Geschichte der Profession. Interessant etwa sein Hinweis, welchen Herrschern dieser Welt Corbusier sein Konzept der cité radieuse anzudienen versuchte.
Das Ergebnis der Hosch’schen Überlegungen bleibt allerdings ein wenig unentschieden. Man müsse jeden Fall für sich beurteilen… Das mag für das einzelne Bauvorhaben gelten. Dass die umfassenden Stadtentwicklungsprojekte aber nur unter den Bedingungen zentralisierter Macht entstehen und umgesetzt werden können, dürfte hingegen unstrittig sein. Nicht zufällig ordnet Gerkan seine chinesischen Städtebauprojekte selbst in die Tradition europäischer Idealstädte ein. (ks)
Die Herren der Schöpfung
Bernd Pfarr
»Günter Waltz fühlte eine gewisse moralische Verpflichtung, durch sein Erscheinen im Wohnzimmerfenster zur Verschönerung des Straßenbildes beizutragen.«
Quelle: Bernd, Pfarr: Die Herren der Schöpfung. 2006, Büchergilde Gutenberg Frankfurt am Main, Wien und Zürich (128 S., 24,90 Euro)
Lesetipps IV|2006

In dieser Ausgabe mit Lesehinweisen von Marion Klemme (mk), Marion Stock (ms) und Klaus Selle (ks).
Menschen machen Geschichte… Geschichte prägt Menschen.
Andreas Molitor: Soziale Innovation / Folge 9: Stadtplanung. Der Architekt Hardt-Waltherr Hämer…
In: brand eins 09/06 S. 46 ff.
Biografien sind Schnitte durch die Geschichte an denen entlang Entwicklungen in besonders plastischer Weise deutlich gemacht werden können. Solche Art der Betrachtung, der Zugang zur Entwicklung der Stadt und der mit ihr befassten Berufe über einzelne Personen wurde bislang lediglich in der Stadtbau- und Planungsgeschichte praktiziert. Zeitgenossen und Zeitzeugen blieben dabei aber unberücksichtigt. Hier läge eine Chance: Die Generation von Städtebauern, Stadtplanern und –forschern, zu der auch Hämer gehört steht jetzt noch als Gesprächspartner zur Verfügung – für die Rekonstruktion einer sehr turbulenten Phase in der Entwicklung der Städte (und der Fachdiskussion darüber). (ks)
Viel gemacht – wenig bewirkt?
Lindner, Volker (2006): Schrumpfungserfahrungen. Steuerungsmöglichkeiten des Strukturwandels. In: Selle, Klaus (Hrsg.): Praxis der Stadt- und Regionalentwicklung. Analysen. Erfahrungen. Folgerungen (Planung neu denken, Bd. 2), Dortmund, 190-207
...fragt Volker Lindner mit Blick auf die Steuerung des Strukturwandels in der Stadt Herten. Trotz zahlreicher Aktivitäten seitens der öffentlichen Hand im investiven, personellen oder auch kommunikativen Bereich, stehen einzelnen Erfolgen weiterhin negative Entwicklungen gegenüber. Ein Strukturwandel sei nicht wirklich sichtbar. Sicher, es hätte schlimmer kommen können. Doch bleibt zu fragen, wo und wann die Steuerungsaktivitäten der öffentlichen Akteuren auf Grenzen stoßen. Die Möglichkeiten und damit vor allem auch die Nicht-Möglichkeiten werden mit Blick auf die weiteren Akteure im Handlungsfeld der Stadtentwicklung beleuchtet. Anhand zahlreicher Praxisbeispiele aus dem Steuerungsalltag wird offensichtlich, wie das Handeln von Grundstückseigentümern, Investoren, Wohnungsbauunternehmen, Förderer und Nachbarkommunen die Stadtentwicklung prägt und wie letztendlich ein Strukturwandel von den unterschiedlichen Akteurskonstellationen, Abhängigkeiten und Interessen abhängt. (mk)
„Irritation und Innovation...“
Walther, Uwe-Jens (2005): Irritation und Innovation. Stadterneuerung als Lernprozess.
In: Greiffenhagen, Sylvia; Neller, Katja (Hg.): Praxis ohne Theorie?. (Wissenschaftliche Diskurse zum Bund-Länder-Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - die Soziale Stadt“). Wiesbaden. S. 112-124
Am Beispiel des Programms "Soziale Stadt" wirft Walther die Frage auf, ob und ggf. wie die bestehenden Problembewältigungsmuster des politisch-administrative Systems verändert werden können. Er spricht hierbei von den "Bedingungen zur Selbsttransfusion".
Walther beschreibt die in verschiedener Hinsicht "ambivalente Struktur" des Programms "Soziale Stadt" und macht deutlich, dass hierin einerseits Chancen für Veränderungen bzw. Lernprozesse liegen, andererseits aber auch Hemmnisse begründet sind.
Hauptthese ist, dass gerade die Unschärfen und Widersprüche des Programms neue Deutungen und Wagnisse zulassen und somit Veränderung generieren können, dass diese Unschärfen und Widersprüche aber auch gleichzeitig "hochgradig irritierend" wirken (können), weil auf der Arbeitsebene neue Wege der Problembearbeitung gefunden werden sollen, die sich entgegen die bestehenden Strukturen und Beharrungstendenzen bewegen. Die "Suchbewegung eines neuen Politikansatzes" wird so auf diese Ebene abgewälzt.
Es handelt sich also um mögliche gegenläufige Reaktionen auf die strukturellen Vorgaben des Programms "Soziale Stadt". Man darf gespannt sein, in welche Richtung es mittel- und langfristig geht ... (ms)
Wahrnehmungs- und Akzeptanzprobleme jenseits einer „kommunikativen Steuerung“?
Anja Farke (2005): „Salzgitter will und wird nicht schrumpfen“ - Wahrnehmungs- und Akzeptanzprobleme im Umgang mit Schrumpfung exemplarisch erläutert an einer Pilotstadt des Stadtumbaus West. In: Weiske, Christine; Kabisch, Sigrun; Hannemann, Christine (Hrsg.): Kommunikative Steuerung des Stadtumbaus. Interessengegensätze, Koalitionen und Entscheidungsstrukturen in schrumpfenden Städten. Wiesbaden
Der Umgang mit Phänomenen und Folgen des demographischen Wandels kann von Ort zu Ort sehr unterschiedlich aussehen. Doch offensichtlich geht mancherorts die Problemperzeption immer noch an den realen Verhältnissen vorbei. Doch was passiert da genau? Und warum? In der Stadt Salzgitter wird einmal ganz gezielt untersucht, wie „Schrumpfung“ seitens der öffentlichen Akteure wahrgenommen und kommuniziert wird.
Basierend auf den Ergebnissen von 33 Interviews mit Akteuren aus Politik, Verwaltung, Wohnungswirtschaft und weiteren werden Sichtweisen auf die lokalen Schrumpfungsentwicklungen dargelegt.
Viele Akteure negieren das Thema, nur selten wird die Realität akzeptiert, öffentliche Auseinandersetzungen werden vermeiden. Denn: Wahrnehmung und Handeln sind weiter auf Wachstum gepolt ... (mk)
Wolfram Weimer
Die Masse und das Nichts
in: Cicero 07/06 S. 146
»Die Wahrheit liegt in der Mitte, sagt man. Warum eigentlich? Einsteins Wahrheiten liegen alle am Rand. Wäre Kolumbus der Meinungsmitte gefolgt, hätte er Amerika nicht entdeckt...« ...doch glaubte Kolumbus nicht einen kürzeren Seeweg nach Asien erkundet zu haben? Und verheißt die konsensuale Mitte stets einen behaglichen Ort der Ruhe?
Gert Kähler
Die Diktatur der Shoppingmalls
Immer gleich anmutende Einkaufszentren dominieren das Stadtbild und zerstören genau das, was doch erhalten werden soll: die lebendige Stadt.
in: Süddeutsche 06.10.2006
»... die 1b-Lagen haben teilweise Probleme, für die man Konzepte entwickeln müsste. Aber das kostet Mühe, und die Hilfe der ECE in Form eines fertigen Stückes Innenstadt kostet den Stadtrat nicht einmal einen Anruf - sie kommt von allein. ... «
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